Schule
Autorin: Yvonne Ramm
Sechs Jahre lang besuchte ich die Blindenschule in Hannover. Danach wechselte ich auf ein integratives Gymnasium in Hamburg.
Die Schule war eine "normale" Regelschule. Doch es wurden in jede Klasse etwa zwei Schüler*innen mit Blindheit aufgenommen. Genau das, was wir wollten: integrativ beschult werden und doch nicht das einzige Versuchskaninchen auf der ganzen Schule sein.
Da ich nicht jeden Tag hin- und herfahren konnte, musste ich im Internat der Hamburger Blindenschule wohnen.
Nachdem ich um eine Woche Sommerferien betrogen worden war, weil die Hamburger Schulferien früher angefangen und damit auch früher aufgehört hatten als die Ferien in Niedersachsen, kam ich nun in eine neue Stadt, neue Unterkunft, neue Schule und neue sechste Klasse.
Meine Familie war mit nach Hamburg gefahren und begleitete mich am ersten Tag in die Schule. Irgendein Mensch, ich glaube, es war ein Lehrer, führte uns in einen für meine Begriffe überdimensionalen Klassenraum. Dort wurden meine Eltern dann wieder abgeführt, und ein großer Mann, der einen langen, völlig unverständlichen Namen nuschelte, zog mich durch einen Irrgarten von Tischen hindurch zu einem Platz.
Wie sollte ich je durch die ganzen Tische zurück zur Tür kommen? Und wie hieß noch mal dieser Mann? War der wichtig? Und wo war ich jetzt?
In der Blindenschule waren wir immer sechs oder acht Schüler in einer Klasse gewesen. Jetzt wurde ich in einen Raum gesetzt, in dem mich eine ziemlich unüberschaubare Mitschülermasse erwartete. Neben mir, ungewöhnlich dicht am gleichen Tisch, saß noch jemand. So dicht hatten wir in der Schule nur gesessen, wenn zwei Klassen zusammengelegt wurden, weil wir Unterrichtsvertretung hatten. Dann war der Klassenraum immer voll. Na ja, voll war es hier auch, und wie.
Der Jemand war ein Mädchen. Sie stellte sich vor und sagte, dass sie auch blind sei. Es seien 19 Kinder in dieser Klasse, aber nur wir beide wären blind. Sie war nicht neu, denn sie besuchte die Schule seit der fünften Klasse, also schon seit einem Jahr. Meine Frage, ob dies unsere festen Plätze seien, beantwortete sie mit: "Ja." Das beunruhigte mich doch etwas.
Unsere Tische hatten keine Fächer wie die Schreibtische, die wir in der Blindenschule gehabt hatten. Auf dem Tisch war, wenn wir uns einen davon teilen mussten, auch nicht viel Platz. Bücher in Blindenschrift sind groß. – Wo um alles in der Welt sollte ich hier Bücher unterstellen? Egal, ich besaß sowieso noch keine.
Meine Gedankengänge wurden von dem Mann mit dem langen Namen unterbrochen. Meine blinde Mitschülerin setzte mich flüsternd davon in Kenntnis, dass dies der Klassenlehrer sei. Er verkündete, er würde jetzt den Stundenplan für alle sechsten Klassen austeilen. Danach würde er den unseren noch mal diktieren.
Oh, ich hatte nicht nur keine Bücher, sondern auch nichts zum Schreiben. Also weiteres Geflüster: "Hast du dir denn keine Maschine geholt?" Wo zum Geier sollte ich die denn herbekommen? So was ist doch da? Die wussten doch, dass sie noch eine Blinde kriegen. – Hier war, außer einem ganzen Haufen Menschen, offensichtlich nichts da.
"Wir schauen nachher zusammen, ob wir für dich eine Schreibmaschine bekommen." Mit diesen Worten schob sie mir ihre Maschine hin. Ich sollte mitschreiben. Sie meinte, sie könne am Nachmittag zu Hause ihre Mutter fragen. Die würde ihr dann den Plan aus dem Gesamtplan herausdiktieren.
Leise meldete sich eine weitere Frage: Warum gibt es viele Pläne für eine Klasse? Ich hatte aber das Gefühl, dass dies eine dumme Frage sei, und stellte sie nicht.
Von vorne kam nun die Ankündigung: "Wir schreiben." – und es wurde plötzlich totenstill. Er diktierte. Alles, was man hören konnte, war seine Stimme. Dazwischen war nichts. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Was war denn bloß passiert?
Nach dem Erschrecken fiel mir ein, dass ja alle anderen mit einem Stift und deshalb leise schrieben. Ich war jetzt die Einzige, die auf einer Blindenschriftmaschine schreiben sollte.
In der Blindenschule ging beim Kommando "Wir schreiben" ein riesiger Krach los, weil sechs bis acht Maschinen um die Wette klapperten. Aber hier? Ich konnte doch nicht einfach in diese Stille hineinschreiben. Das würde sich ja anhören wie eine halbe Gewehrsalve. Bestimmt würde ich dann rausgeschmissen, wegen Störens des Unterrichts. Was sollte ich denn jetzt machen?
Ich bekam einen Ellenbogen in die Seite: "Warum schreibst du denn nicht?" Ich versuchte, dem Mädchen meine Bedenken zu erklären. Sie verstand mich nicht. Mist, das Flüstern fiel ja in dieser Stille auch so auf.
Ich versuchte vorsichtig, eine Zeile zu schreiben. – Ui, das war ja viel zu laut! Also schön leise. Immer schön den Schreibkopf festhalten. Aber dann war ich zu langsam und kam nicht mehr mit.
Der Stundenplan war fertig diktiert. Vielleicht konnte ich ihn in irgendeiner Pause von jemandem abschreiben. Mist! Das ging ja auch nicht. Die schrieben ja alle Schwarzschrift. Ob mir den Plan wohl jemand diktierte?
Nun stellten sich alle Kinder erst mal vor. Die Hälfte der Namen vergaß ich gleich wieder. Und welcher Name zu welchem Menschen gehörte, konnte ich mir erst recht nicht merken.
Ich erfuhr, dass dies hier eine kleine Klasse sei. Dann wollte ich lieber noch nicht wissen, was die hier unter einer großen Klasse verstanden.
Als Nächstes sprach der Lehrer von der Klassenfahrt, die schon lange geplant war und in zwei Wochen losgehen sollte. Es würden die Schüler*innen aus drei sechsten Klassen mitfahren.
Wie viele sechste Klassen gab es denn hier? In welcher von den vielen befand ich mich? Ach du liebe Zeit! Da würden dann ja so um die 60 Schüler dabei sein. Das war ja so viel wie die halbe Blindenschule. Und die waren alle in der sechsten Klasse? An der Blindenschule in Hannover waren ein paar hundert Schüler, wenn es überhaupt so viele waren.
An der neuen Schule waren ca. 1.200 Schüler. Ganze 14 davon waren blind und über die Orientierungsstufe und den Gymnasialzweig der Schule verteilt.
Irgendwann gongte es endlich. Puh, schon eine Stunde geschafft. Aber wie würde ich hier jetzt rauskommen? Ich hängte mich erst mal an meine blinde Mitschülerin, weil wir eine Schreibmaschine für mich organisieren wollten.
Wir liefen über ein paar Treppen, durch noch mehr Türen, waren plötzlich draußen und liefen lange irgendwie über einen großen, großen Platz. Da war ein Menschengewimmel. 'Hilfe' Ein Hauptbahnhof am Freitag Nachmittag war dagegen eine menschenfreie Zone. Ich bewunderte im Stillen meine Mitschülerin. Wie fand die hier durch? Woher wusste sie, wohin wir gehen sollten?
Wir landeten nach mehreren Stufen und einer Tür wieder in einem Haus. - Noch mehr Treppen, viel mehr Türen, und da war ein Raum mit einer Frau drin. Diesen Raum betraten wir beide nun auch. Tür zu, wenigstens ein bisschen Ruhe. Ich wurde vorgestellt. Von dem Raum mit der Frau ging ein weiterer Raum ab, dessen Tür offen stand. Aus diesem Raum kam nun ein Mann gelaufen und drückte mir eine Punktschriftmaschine in die Hand. Die beiden redeten vom Englischunterricht und darüber, dass ich noch das Buch brauchen würde. Ich bekam noch einen großen Leitzordner unter den Arm geschoben. Das war das Englischbuch.
Und schon waren wir wieder draußen und drängelten uns den ganzen Weg zurück. Meine Mitschülerin informierte mich darüber, dass wir jetzt Englisch hätten. Wir betraten wieder einen Raum. Aber das war doch gar nicht unser Klassenraum? Wo waren wir denn jetzt schon wieder?
'Na, Englisch. Habe ich doch gesagt.'
Hm. Hatten wir denn nicht den ganzen Unterricht im Klassenraum? So langsam wünschte ich mir die Blindenschule zurück. Da hatte ich einen festen Tisch, festen Raum und ein festes Fach, zum Unterbringen von Büchern und anderen Sachen. Genau. Wo waren denn hier die Fächer? Sollten wir unsere Sachen denn immer mit uns herumtragen?
Ich bekam ein 'Ja. Aber es gibt noch einen Raum.' Zur Antwort und einen Stuhl vor die Füße gestellt. Ach ja, wir hatten ja Unterricht. Also hinsetzen. Die Maschine kam auf den Tisch und der Ordner auch.
Ein weiterer Mann stellte sich vor, erklärte mir, dass wir hier etwa 25 Schüler waren und ging nach vorn. Wieso denn 25? Eben waren es noch 19?
'Für die A-Kurse und B-Kurse werden die Klassen eben ein bisschen gemischt. Wir sind im A-Kurs.'
A-Kurs? B-Kurs? Ich verstand nur noch Bahnhof. Naja, Bahnhof fing eindeutig mit B an. Geistig fühlte ich mich gerade ziemlich im B-Kurs. Und jetzt wollte der Mensch da vorn, dass ich anfange laut zu lesen. Gut. Lesen konnte ich ja wenigstens. Ordner aufschlagen, Finger auf die Seite und ... Was stand denn da? Ich konnte gar nichts lesen. Saß da mit offenem Mund, stieß meine Mitschülerin an: 'Was steht denn da für'n Zeug. Ich kann gar nichts...'
'Ach, die englische Kurzschrift.', unterbrach sie mich, 'Hattet ihr die denn nicht.'
Nein, die hatten wir nicht. Wir hatten gerade damit angefangen und waren über die ersten fünf Kürzungen nicht hinaus gekommen.
'Sie kann zwar Englisch. Aber das ist Kurzschrift. Die kann sie noch nicht.' Erklärte sie dem Lehrer und las für mich. Auweier! Nicht mal lesen konnte ich. Konnte ich denn hier irgendwas?
Gong, fünf Minuten Pause. Die brauchten wir auch. Wir wechselten wieder zurück in unseren Klassenraum. Jetzt waren wir wieder 19 Schüler. Nächste Stunde, Gong, große Pause. Durchdrängeln, Türen, Treppen, Türen, draußen.
Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam, dass ich plötzlich allein auf dem Schulhof stand. Natürlich nicht allein. Aber ohne jemand Bekanntes. Wahrscheinlich hatte ich meine Mitschülerin verloren. Es Gongte wieder und irgendwie war ich jetzt plötzlich doch allein. Menschenfreie Zone, als wären die alle ins Haus hineingesaugt worden. Aber wo war denn jetzt der Eingang? Da kam ein größerer Junge. Den fragte ich, wo denn die sechste Klasse sei.
'Welche?'
Ach ja, es gab ja mehrere davon. Ja, welche denn? Warum stellte ich mich eigentlich die ganze Zeit so doof an? Das hätte ich doch alles wissen müssen. Meine Schwester kann sehen und ging schließlich auf eine Regelschule. Da gab es auch viele Kinder, viele Klassen und viel Gewusel. Das wusste ich von gelegentlichen Besuchen. Manchmal, wenn ich ein verlängertes Wochenende hatte, kam ich an dem freien Montag mit zu ihr in die Schule. Wenn wir an einem Samstag Schule hatten, machte sie den Gegenbesuch. Aber jetzt stand ich da wie der letzte Urmensch in plötzlicher Zivilisation.
'Keine Ahnung' gab ich zur Antwort.
'Oh, es gibt mindestens 7 sechste Klassen. Wie heißt denn euer Klassenlehrer?'
Das würde ich ja selbst gern mal wissen.
'Weiß nicht. Habe den Namen nicht verstanden. Aber wir haben jetzt Biologieunterricht. Hilft das was?'
'Ja. In welchem Biologieraum denn?'
Ach du Schreck! Wieso denn im Bioraum? In der Blindenschule standen im Biologieraum lauter ausgestopfte Tiere und andere Modelle. Den Unterricht hatten wir meist in unserem Klassenraum. Und wieso fragte der Schüler in welchem Bioraum wir denn wären? Gab es denn viele davon?
'Ja', antwortete er geduldig: '6 Stück.'
Du liebe Zeit. Der hielt mich bestimmt für den letzten Trottel. Jetzt atmete er tief durch: 'Die kleineren Schüler sind meist in Haus A-B. Dann haben wir ja nur noch drei Bioräume zur Auswahl. Immerhin nur noch die Hälfte. Die anderen drei sind in Haus C.'
Wieso denn Haus A-B und Haus C? war die Schule nicht immer in einem großen Gebäude? Hier offenbar nicht. Ich fragte vorsichtig, wie viele Gebäude die Schule denn hätte.
'Die zwei großen und dann halt noch kleinere. Weiß nicht genau. Ich glaube 7.'
Wir trabten los, durch die nun schon bekanntere Tür und Treppen und Türen. Ja, in diesem Haus war ich die letzten Stunden gewesen. Könnte also richtig sein.
Gleich der erste Biologieraum war der Volltreffer. Ein paar fremde Kinderstimmen behaupteten, dass ich zu ihnen gehöre und ich wurde wieder durch einen Tische, Stühle, Schüler, Urwald zu einem Platz geschoben. Diesmal von einer Frau mit deutlicher Sprache und kürzerem Namen.
Gong, Schule fertig, ich auch.
Natürlich spielte sich im Lauf der Zeit alles ein und wurde einfacher für mich. Aber es dauerte doch eine ganze Weile, bis ich mit all den Veränderungen zurecht kam."
Autorin: Regina Scholten
Zum Schuljahr 1983/84 wurde ich in die Eingangsklasse einer Sehbehindertenschule eingeschult. Wegen Dissonanzen bezüglich der bestmöglichen Förderung schulten mich meine Eltern nach einem Jahr eigenverantwortlich in die 2. Klasse der örtlichen Regelgrundschule um. Ich war nun ohne sehgeschädigtenspezifische Betreuung in meine Jahrgangsklasse integriert. Nach Beendigung der Grundschulzeit wechselte ich 1987 auf das örtliche Gymnasium – auch hier ohne sehgeschädigtenspezifische Betreuung und unter der von der Schule gestellten Bedingung, keine Forderungen zu stellen. Formell galten für mich die gleichen Bedingungen wie für alle Regelschüler. Gespräche mit einzelnen Lehrer*innen änderten oft nichts an der Situation:
keine Zeitverlängerung bei Klassenarbeiten,
unleserliche Arbeitsblätter,
keine Reflexion über mein und das Sozialverhalten der Mitschüler*innen,
...
Erst in der Oberstufe setzte sich eine Lehrerin für meine Sache ein und erwirkte zumindest Zeitverlängerung bei Klausuren.
Diese Beschreibung klingt zunächst, als sei ich meine ganze Schulzeit hindurch „arm dran“ gewesen, als hätte ich mich permanent ungerecht behandelt gefühlt. Dem war aber ganz und gar nicht so. Meine ganze Schulzeit wurde von einem Phänomen bestimmt, das mir erst bewusst wurde, als ich mich im Rahmen meines Lehramtsstudiums im Fach Blindenpädagogik mit der Thematik Behinderung und Integration beschäftigte.
Ich fragte meine Eltern im Nachhinein, warum sie sich nicht noch mehr für meine Rechte eingesetzt hätten. Sie sagten, dass sie mich ständig gefragt hätten, ob ich zurechtkäme – und ich kann bestätigen, dass sie dies tatsächlich oft getan hatten. Zudem stimmten die Schulleistungen einigermaßen, und der Schulleiter plädierte gegen eine Sonderstellung in der Klasse, solange die Leistungen stimmten.
Meinen Eltern mache ich also keinerlei Vorwurf! Aber warum habe ich immer, wenn ich nach meinem Zurechtkommen gefragt wurde, gesagt, es sei alles in Ordnung? Ich erinnere mich im Nachhinein, dass ich die Situation tatsächlich so empfand, als sei alles in Ordnung. Tatsache war, dass meine Sehschädigung vorhanden war – sie aber in der Schule schlicht kein Thema war, weder für die Lehrerinnen, noch für die Schülerinnen und – vor allem – nicht für mich. Tatsache war auch, dass ich immer Schwierigkeiten hatte, von der Tafel abzuschreiben, dass bei Gruppenarbeit die Themen in der Gruppe verteilt wurden und ich von den Gruppenmitgliedern ausgeschlossen wurde, weil ich nicht schnell genug arbeitete. Ich hatte dann Schwierigkeiten, vor dem ab und zu vorbeischauenden Lehrer zu verbergen, dass ich nicht arbeitete, und hatte Angst, das Ergebnis vorlesen zu müssen und zu gestehen, dass ich nichts geschrieben hatte ... Aber all diese Schwierigkeiten führte ich paradoxerweise nicht auf meine Sehschädigung oder die unsoziale Einstellung der Mitschülerinnen zurück, sondern: „Das war einfach so.“ Sehbeeinträchtigung und Sozialverhalten waren in der Schule eben kein Thema. Die Situation war wie bei einem schlechten Schüler, der seine schlechten Leistungen oft auf keine eindeutige Ursache zurückführen kann. Zudem dachte ich gar nicht über die Ursache nach. Wie gesagt: Das war einfach so. Hätte mich der Lehrer gefragt: „Warum hast du denn nichts in deinem Heft stehen?“, hätte ich sicher nicht mit meiner Sehbeeinträchtigung argumentiert. Ich hätte nichts gesagt und mich dabei auch nicht ungerecht behandelt gefühlt, sondern es wie eine schlechte Leistung aufgefasst. Sicher hätte eine sehbeeinträchtigtenspezifische Betreuung meine schulische Situation verbessert und eine Reflexion meines und des Sozialverhaltens der Mitschülerinnen zur Folge gehabt, die durchaus wünschenswert gewesen wäre. Aber auch im sozialen Bereich hat die Nichtsonderstellung einen bemerkenswerten Effekt gehabt.
Zunächst war ich für die anderen Schülerinnen eine Mitschülerin wie alle anderen. Wir konnten völlig unbefangen miteinander umgehen. Vor allem in der Oberstufe fand ich zu vielen Kontakt, die plötzlich von selbst darauf kamen, mir zu assistieren und sich für meine Situation zu interessieren. Im sozialen Bereich habe ich die Nichtsonderstellung eigentlich immer als angenehm empfunden, auch wenn ich manchmal unreflektiertes Verhalten der anderen hinnehmen musste. Und auch dieses führte ich nicht auf meine Sehbeeinträchtigung oder die Ungerechtigkeit der Mitschülerinnen zurück – denn meine Sehbeeinträchtigung war, wie gesagt, kein Thema.
Dieses Phänomen, dass offensichtlich zutage liegende Ungerechtigkeiten gar nicht als solche empfunden werden und den Tatsachen unbewusst eine ganz andere Ursache zugeschrieben wird, finde ich bemerkenswert. Und auch, dass ich sicherlich viel habe hinnehmen müssen, aber die Nichtsonderstellung für mich auch positive Seiten gehabt hat, die mir ebenfalls zu meiner Schulzeit nicht bewusst waren. Um es zu betonen: Ich spreche keinesfalls gegen die Integration!
Ich finde jedoch meine Erlebnisse sehr interessant.
Autorin: Barbara Kagon
Barbara besuchte 1998 die 10. Klasse des heimatlichen Gymnasiums.
Sie ist seit der Geburt sehbeeinträchtigt und hat eine Sehschärfe von ca. 10 %. Barbara hat mit ihrer Mutter vor etwa einem halben Jahr erstmals unsere Beratungsstelle (Anm.: Förderzentrum in Süddeutschland) aufgesucht. Sie arbeitet mit Ehrgeiz und Fleiß und erreicht damit gute Schulleistungen.
Barbara hat im November 1998 anlässlich einer Fortbildung für Lehrer*innen, die integrativ beschulte sehbeeinträchtigte Kinder unterrichten, folgendes Referat gehalten und damit Einblick in die Situation von Kindern mit Sehbeeinträchtigung im Unterricht gegeben:
„Eine Veränderung am Unterricht ist für mich erst vor Kurzem eingetreten, da man lange meine Behinderung unterschätzt hat. Deshalb sind meine Erinnerungen noch ziemlich frisch. Ich möchte Ihnen nun einen Schultag schildern, wie er früher für mich Alltag war.
Sagen wir, erste Stunde Physik: Der Stromkreislauf.
Der Lehrer schaltet den Overheadprojektor an. Für die anderen Schüler*innen erscheint wohl nun ein Stromkreislauf. Ich sehe nur ein großes Rechteck mit einigen Flecken daran. Manche Flecken sind – für mich jedenfalls – unleserlich beschriftet. Der Lehrer erzählt und erzählt: Man beachte die roten und die blauen Linien. Ich bin zwar nicht farbenblind, aber auf diese Entfernung sehe ich keinen Unterschied mehr zwischen Rot und Blau. Und das aus der ersten Reihe. Ich will den, von Faszination gepackten Lehrer nicht aus der Fassung bringen, also schweige ich. Das Letzte, worauf ich heute Morgen Lust hätte, wäre, wieder einmal zu erklären, warum ich nichts sehe – und das vor der ganzen Klasse. Das Klingeln erlöst mich.
Zurück ins Klassenzimmer – zweite Stunde Deutsch.
Eine interessante Stunde. Deutsch gehört zu meinen Lieblingsfächern. Die Stunde ist fast vorbei, und es sieht so aus, als ob wir heute nichts schreiben müssen. Doch zehn Minuten vor Schluss fängt der Deutschlehrer plötzlich wie wild an, das bis dahin nur flüchtig entworfene Tafelbild zu ergänzen. Sieben Minuten vor Schluss! – Das schreibt ihr jetzt noch schnell ab.
Ich mache mich an die Arbeit. Einer nach dem anderen ist fertig, und ich schreibe noch immer. Es klingelt, und ich habe etwas mehr als die Hälfte erst abgeschrieben. Das heißt wiederum: Heft ausleihen und heute Nachmittag Extraarbeit.
Chemie: Erlebnisunterricht ist die Devise. Jeder schnappt sich ein Versuchstablett und macht den Versuch mit. Der Lehrer hebt einen Gegenstand hoch: „Den nehmen wir jetzt, um ...“ Was könnte das nur sein? Mühsam vergleiche ich die vor mir liegenden Dinge mit dem Teil in des Lehrers Hand. Rechts und links schaue ich, was die anderen so machen – und spiele mal wieder Pantomime. Immer schön geschäftig aussehen. Lass ihn nur nicht merken, dass du nichts machst.
Große Pause. Ich will mal schnell zum Vertretungsplan gehen und schauen, wer heute fehlt. Davor steht eine Traube von Fünft- und Sechstklässlern. Ich stehe also einen dreiviertel Meter entfernt. Den Plan sehe ich – nur lesen kann ich nichts.
Es klingelt, Musik ist als Nächstes dran.
Heute sollen wir auf den Keyboards selber spielen. Die Noten werden auf den Ständer geklemmt. Die Tasten sind vorne an der Tafel erklärt. Das mit den Tasten klappt noch. Ich brauche ja nur eine zum Orientieren, die anderen bekomme ich dann schon selbst heraus. Doch wie soll ich diese winzigen kleinen Noten einen halben Meter vor mir lesen? Und schon wieder tue ich so, als ob ich spiele.
Noch Informatik und Sport, dann habe ich es für heute geschafft.
In Informatik haben wir einen etwas unfähigen Lehrer. Er zeigt mit dem Projektor, was wir machen sollen. Gott sei Dank verteilt er auch Blätter, auf denen das Wesentliche steht – sonst wäre ich mal wieder aufgeschmissen. Bleibt nur noch das Problem mit dem richtigen Schreiben. Denn um zu sehen, ob ich mich vertippt habe, muss ich jedes Mal aufhören zu tippen, mich nach vorne beugen und alles lesen. Ganz schön zeitaufwendig.
Sport mache ich, solange es keine Noten gibt, ganz gerne. Ich habe mich auch daran gewöhnt, dass ich als Letzte gewählt werde, den Ball öfter nicht fangen kann und den Abstand zwischen mir, dem Sprungbrett und dem Kasten falsch einschätze. Das ist alles nicht so wild. Nur wenn ich dann für dieses Chaos benotet werden soll, finde ich es gleich gar nicht mehr so gut.
So ungefähr sahen bei mir die Schultage aus – und natürlich alles aus der ersten Reihe. Nach und nach besserte sich dann die Lage, auch wenn es einige Lehrerinnen zu gut meinten und mich vor den Versuchstisch holten. Und ich daraufhin den Spott meiner Klasse – die damals so wenig wusste wie ich – erntete. Viele Lehrerinnen konnten auch nicht verstehen, warum ich mich denn nicht öfter bemerkbar gemacht hatte. „Ich kann es nicht sehen“ – sollte schließlich jeder Schülerin sagen. Ich hab’s nicht gerne getan, höchstens gegenüber meiner Freundin, doch kaum zu Lehrer*innen. Es hat etwas mit Selbstbewusstsein zu tun, zehnmal am Tag zu sagen, dass man etwas nicht kann, was man gerne können würde. Das können Sie selber ausprobieren: Wenn Sie sich zehnmal am Tag sagen „Ich kann nicht zeichnen“, wird das Ihrem Selbstbewusstsein nicht guttun.
Deshalb finde ich es schön, wenn Lehrerinnen von sich aus erst einmal versuchen, Situationen aus dem Weg zu schaffen, die den Schülerinnen wieder dieses „Ich-kann’s-nicht-Gefühl“ vermitteln. Das Problem, das sie dabei haben, ist natürlich, dass sie nicht wissen, was ich sehen kann und was nicht. Dann fragen sie mich. Aber das ist eine schwierige Frage. Denn mein Bild sieht für mich völlig normal aus. Ich habe ja nie mit normalen Augen gesehen und kann höchstens sagen, was ich sehe. Doch woher soll ich wissen, was ich nicht sehe?
Was ich immer wieder schade finde, ist, wenn Lehrerinnen versuchen, den Unterricht interessant und lebendig zu gestalten – und ich sie bitten muss, es zu lassen, weil ich sonst nicht mehr mitarbeiten kann. Wenn sie z. B. das Tafelbild bunt gestalten und ich dann nichts mehr lesen kann, weil der Kontrast zu gering wird. Oder wenn sie Schülerinnen an die Tafel lassen, die dann aber nicht vorlesen, was sie schreiben – und ich nicht weiß, was ich notieren soll.
In der Grundschule spielten wir manchmal Laufdiktat. In den Zimmerecken lagen Zettel mit Sätzen. Wir mussten hinlaufen, bekamen zehn Sekunden zum Lesen, mussten an den Platz zurück und den Satz aufschreiben. Mir haben die zehn Sekunden kaum gereicht, den Satz zu finden – geschweige denn, ihn auch noch zu lesen.
Natürlich gibt es auch schlechte Methoden von Lehrer*innen, die mir zum Verhängnis werden können. Besonders bei uns – und insbesondere bei Mathelehrern – beliebt: das Schnellerwerden oder das Aufgeben von akustischen Erläuterungen, wenn die Klasse zu laut wird. Ich habe ohnehin schon Probleme beim schnellen Schreiben. Wenn dann noch das Tempo angezogen wird und ich mich nur noch auf meine Augen verlassen muss, wird es unzumutbar. Wegen meines langsamen Schreibens bin ich auch nicht gerne vorne an der Tafel. Besonders bei Diktaten, bei denen eine gewisse Geschwindigkeit vorausgesetzt wird und die Tafel auch noch bremst, ist es sehr anstrengend für mich.
Diese ganzen Umstellungen, die ich genannt habe, sind für die Lehrer*innen nicht leicht – das weiß ich – doch sie sind leider notwendig. So sagte mir eine neue Lehrerin, als ich sie bat, doch laut zu lesen, was sie an die Tafel schreibt, dass sie wieder umlernen müsse, da sie im Studium gelernt hatte, dies nicht zu tun. Es kann also manchmal große Umstellungen bedeuten, wenn man ein nicht gut sehendes Kind in der Klasse hat.
Jetzt habe ich bald alles gesagt. Wichtig ist mir aber noch:
Die Behinderung heißt durchaus nicht, dass ich oder andere Menschen mit Sehbeeinträchtigungen Komplexe haben. Ich habe kein Problem, mich z. B. vor die Klasse zu stellen und ein Referat zu halten. Dann bin ich ganz ich selbst und habe Spaß. Deshalb ist es wichtig, Schüler*innen mit Sehbeeinträchtigung nicht nur auf deren Behinderung zu beschränken.“
Autor: Jens Hörsken
Jan-Philipp ist 12 Jahre alt und besucht die 6. Klasse der Johann-Conrad-Schlaun-Gesamtschule in Nordkirchen (NRW). Jan-Philipp ist zu 90 % sehbehindert.
Jeden Morgen fahre ich, der „Zivi“, mit Jan-Philipp mit dem Bus von Bork nach Nordkirchen zur Schule. Jan-Philipp benötigt mich während der Busfahrt nicht als Begleitperson. Ich steige zwei Haltestellen später dazu.
Der Unterricht beginnt um 7:45 Uhr. Bevor der Lehrer kommt, holt Jan-Philipp sein Etui, Stifte, WP-Heft und die Hausaufgaben heraus, und ich verschaffe mir zunächst einen Überblick über die zu bewältigenden (Haus-)Aufgaben. Die erste Stunde ist, wie an jedem Tag, die AST-Stunde. Hier erledige ich mit ihm den Wochenplan und die Hausaufgaben. Da eines seiner Lieblingsfächer Mathematik ist, beginnen wir immer damit. Wenn er Aufgaben aus dem Buch bearbeiten soll, schreibe ich diese in der Regel in sein Hausaufgaben- oder Wochenplanheft ab. Alle rechnerischen Aufgaben im Buch sind so klein gedruckt, dass er sie nicht ohne Weiteres lesen kann. Auch mit der Visolett-Lupe sind diese Aufgaben kaum oder gar nicht lesbar. Daher schreibe ich sie in großer Druckschrift mit einem Füller oder schwarzen Filzstift in sein Heft. So kann er die Aufgaben mit der Lupe erfassen und berechnen. Die weiteren Rechenschritte schreibt er dann ohne Lupe in sein Heft. Möchte er jedoch das Geschriebene wieder lesen, nimmt er erneut die Lupe zur Hilfe. Mit dieser Methode ist er fast genauso schnell fertig wie die anderen Kinder.
Sollten Wochenplanaufgaben anstehen, liegen diese in Mathematik meist in DIN-A4-Ausführung vor. Diese Arbeitsblätter vergrößere ich dann mit dem Kopierer auf mindestens DIN A3 oder größer. Dann sind die Aufgaben mit der Lupe gut lesbar. Dafür muss die Vorlage allerdings in gutem Zustand sein, und die Buchstaben und Zahlen müssen einen deutlichen Kontrast aufweisen. Mit einem so vorbereiteten Arbeitsblatt kann Jan-Philipp dann auch völlig eigenständig arbeiten – wie beispielsweise bei Klassenarbeiten in Mathematik. Schwieriger wird es allerdings bei zeichnerischen Aufgaben mit Zirkel und Bleistift. Hier muss man Jan-Philipp beim Einstellen des Radius oder beim millimetergenauen Ansetzen des Zirkels helfen.
Wenn eine Klassenarbeit ansteht, bekommen wir beide einen Einzelraum. Hier ist es ruhig, und er kann sich besser auf seine Aufgaben konzentrieren. Er wird nicht durch Mitschüler*innen abgelenkt. Zudem hat er – da er im gemeinsamen Unterricht mit sonderpädagogischem Förderbedarf unterrichtet wird – Anspruch auf einen Nachteilsausgleich (50 % mehr Zeit). Die Arbeit könnte er mit Lupe und vergrößertem DIN-A3-Blatt selbstständig lösen. Allerdings schreibe ich ihm die Aufgaben in sein Arbeitsheft, denn durch das Abschreiben würde er nur Zeit verlieren – und die 50 % mehr Zeit braucht er. Allein das Schreiben von Zahlen und Buchstaben dauert bei ihm etwas länger.
Als Nächstes steht ein weiteres Lieblingsfach auf dem Stundenplan: Englisch. Hier arbeiten wir mit einem DIN-A5-Buch. Das bedeutet, dass die Texte sehr klein geschrieben sind. Selbst mit Lupe kann er die Texte nur schwer mitlesen, wenn andere sie der Klasse vorlesen. Deshalb informiere ich mich im Vorfeld, welche Kapitel und Themen in den nächsten Tagen behandelt werden. In einer freien Stunde oder Pause kopiere ich diese Texte auf DIN A3, damit Jan-Philipp bei Anweisungen wie „Please open your book at page…“ keine Zeit verliert. So kann er dem Unterricht mit Lupe und Vergrößerung folgen.
Problematisch wird es, wenn er selbst einen (englischen) Text vorlesen muss. Jan-Philipp verfügt über kein räumliches Sehen. Er kann also nicht mit einem Blick Satzteile erfassen; dadurch ist kein flüssiges Lesen möglich. Das führt zu Schwierigkeiten bei der Interpunktion – Kommas oder Punkte werden übersehen. Oft merkt er es jedoch selbst und liest den Abschnitt noch einmal. Eine weitere Schwierigkeit beim Lesen besteht darin, dass die englische Aussprache anders ist. Wenn er einen Ausdruck nicht auf einen Blick erfassen kann, spricht er ihn manchmal falsch aus. Allgemein ist es bei Texten ein Problem, dass er gelegentlich Buchstaben überliest oder verwechselt – z. B. bei „ihm“ und „ihn“ oder „seiner“ und „seines“.
Häufig diktiert der Lehrer im Englischunterricht Sätze und Aufgaben, um die Aussprache zu festigen. Hier muss sich Jan-Philipp besonders konzentrieren, um mitzuhalten. Bei wichtigen Sätzen, Regeln oder Ähnlichem diktiert der Lehrer langsam, damit Jan-Philipp mitkommt, da er langsamer schreibt als seine Mitschüler*innen. Anfangs versucht er, alleine mitzuschreiben. Irgendwann wird die Differenz zwischen Diktat und Mitschrift zu groß, sodass er nicht mehr hinterherkommt. Ab diesem Punkt diktiere ich ihm den Text weiter – oder, wenn er durch das viele Schreiben erschöpft ist, schreibe ich für ihn mit. Dabei achte ich darauf, in großer, sauberer Druckschrift zu schreiben, damit er den Text möglichst gut lesen kann (hoffentlich war das meistens der Fall). Bei Wiederholungsaufgaben gibt der Lehrer vor, dass Jan-Philipp nur bis zu einem bestimmten Punkt mitkommen muss, um dann schon mit der Lösung zu beginnen.
Neue Grammatikthemen werden an die Tafel geschrieben. Damit Jan-Philipp sie lesen kann, muss der Lehrer groß, in Druckschrift und möglichst nicht mit Weiß schreiben. Durch das Wischen der Tafel entstehen oft helle Stellen, wodurch es schwer für Jan-Philipp ist, zu erkennen, ob es sich um Buchstaben handelt. Für solche Aufgaben nutzen wir meist Jan-Philipps Computer in der Klasse. Er verfügt über einen großen 21-Zoll-Bildschirm und ein Lesegerät mit schwenkbarer Tafelkamera. Damit kann er sich das Tafelbild anzeigen lassen und heranzoomen. So kann er den Text in Ruhe vom Bildschirm abschreiben. Wenn es zügig weitergeht, übernehme ich diese Aufgabe.
Jan-Philipp sitzt ganz vorne in der Klasse. Anfangs saß er drei Meter vor der Tafel an einem Einzelplatz. Auf eigenen Wunsch sitzt er nun mit anderen Kindern am Gruppentisch – immer noch ganz vorne mit Blick auf die Tafel. An seinem Platz steht für die dunklen Wintermonate eine zusätzliche Leselampe, die den Kontrast erhöht und seine Augen schont. Denn jedes Lesen ist für ihn anstrengend.
Ein weiteres Hauptfach ist Deutsch. Hier wird fast immer mit zu vergrößernden Arbeitsblättern gearbeitet. Daher verbringt Jan-Philipp die Deutschstunden oft am PC. Die Kamera kann nicht nur Tafelbilder vergrößern, sondern auch Texte, Arbeitsblätter und Bücher auf dem Bildschirm darstellen. Da im Deutschunterricht viel geschrieben wird, erledigt Jan-Philipp dies häufig am PC. Die Tastatur hat extra große Buchstaben. Aufgaben und Arbeitsblätter bearbeitet er dort und tippt seine Lösungen ein. Auch hier braucht er manchmal etwas mehr Zeit. Sollte er nicht weiterkommen, helfe ich beim Tippen. Besonders in Deutsch hilft ihm der PC: Fehler lassen sich leichter korrigieren. Im Heft müsste er erst die Stelle suchen und dann verbessern – dabei verliert man leicht den Überblick. Am PC kann er die Schriftgröße einfach auf z. B. 24 Punkt in Word einstellen.
In Deutsch werden auch Folien am Projektor gezeigt. Obwohl Jan-Philipp ganz vorne sitzt, kann er diese kaum erkennen, da der Kontrast fehlt. Hierzu nutzt er ebenfalls die Kamera am PC, die das Bild auf den Monitor überträgt. Dort kann er Kontrast und Farben individuell einstellen. Klassenarbeiten in Deutsch schreibt Jan-Philipp teils mit den anderen im Klassenraum am PC. Dabei geht es häufig um längere Texte, z. B. Gedichte oder Nacherzählungen, die er abtippt. Alternativ darf er mir den Text diktieren, und ich tippe ihn – genau so, wie er ihn vorgibt, auch wenn Fehler enthalten sind. Lektüren, die im Deutschunterricht gelesen werden, bereitet er oft am Abend gemeinsam mit seiner Mutter am Bildschirm vor, um dem Unterricht besser folgen zu können.
Viel Spaß macht ihm das Fach Gesellschaftslehre (GL). Dort arbeiten die Schüler*innen häufig in Gruppen an Projekten, die sie in einer Collage oder Mappe zusammenfassen. Jan-Philipp übernimmt dabei oft die Leitung, gibt Themen vor und koordiniert. Das Recherchieren in Büchern oder im Internet und das Formulieren eigener Texte bereiten ihm große Freude. Er bearbeitet sie am PC oder diktiert sie mir.
Montags, mittwochs und donnerstags gibt es eine längere Mittagspause. Jan-Philipp geht dann selbstständig zum Essen und mit seinen Freunden auf den Pausenhof. In seiner Freizeit ist er meist nicht auf meine Hilfe angewiesen. Mit zunehmendem Alter kommt er immer besser mit Hindernissen beim Spielen zurecht. Er spielt Fußball und Handball und macht fast alles, was Jungs in seinem Alter machen. Gelegentlich bringt er sogar sein Skateboard mit – beim ersten Mal war ich ziemlich nervös. Aber er fährt damit genauso gut wie die anderen und zeigt sogar Tricks. Man merkt kaum eine Einschränkung.
Kein Wunder also, dass Sport eines seiner Lieblingsfächer ist. Er gehört hier zu den Besten. Er macht bei allen Übungen mit, so gut es geht. Probleme gibt es nur bei Gummiseilen oder (Tisch-)Tennisbällen. Fußball spielen, rennen, laufen, springen – all das macht er problemlos mit. Er kann Bälle gezielt annehmen, schießen oder einen Handball fangen. Er spielt sogar im Handballverein und macht Jiu-Jitsu. Probleme im Sportunterricht können auftreten, wenn mehrere Kinder gleichzeitig auf einen fliegenden Ball zulaufen – dann kann er sich meist nur auf den Gegner oder den Ball konzentrieren, was der Gegenspieler mitunter ungewollt zu spüren bekommt. Es fiel ihm auch nicht schwer, sich für die AG „Schwimmen“ zu entscheiden. Dabei trägt er – wie auch im regulären Sportunterricht – eine Brille und schwimmt mit den anderen um die Wette. Sportliche Aktivitäten führt er weitgehend selbstständig aus.
Nachmittags stehen meist Biologie und Chemie auf dem Plan. Dafür wechseln wir den Raum, da oft praktische Versuche durchgeführt werden – dort stehen weder PC noch Kamera zur Verfügung. Jan-Philipp sitzt dann meist in der Nähe von Fenster und Tafel. Um Tafelbilder abzumalen, geht er oft nach vorne, bis auf zwei Meter an die Tafel heran. Texte diktiere ich ihm, wenn möglich. Allerdings ist er in der 7. oder 8. Stunde – bedingt durch seine Medikamente (Antiepileptikum) – oft müde und unmotiviert. Dann übernehme ich das Abschreiben. Bei ungefährlichen Lehrerversuchen darf er nach vorne kommen, um sich den Versuch aus der Nähe anzusehen – was seine Mitschüler*innen gelegentlich neidisch macht. Beobachtungen beschreibt er anschließend selbst. Schülerversuche macht er grundsätzlich mit. Bei gefährlichen Experimenten – z. B. mit Feuer oder Gas – achte ich im Hintergrund darauf, dass nichts passiert, da er z. B. eine rauschende Flamme nur schwer erkennen kann.
Ein weiteres Fach, in dem Jan-Philipp nahezu ohne Hilfe auskommt, ist Kunst. Wenn eine mündliche Aufgabe gestellt wird, beginnt er direkt mit seinen Materialien. Vorgegebene Aufgaben vergrößere oder erkläre ich ihm bei Bedarf leicht abgewandelt, sodass sie für ihn lösbar sind.
Jedes Jahr im Januar, nach den letzten Klausuren des ersten Halbjahres, fahren einige Schüler*innen eines Gymnasiums in NRW aus den Jahrgangsstufen 10 und 11 nach England, um dort ein Praktikum zu absolvieren. Dieses Jahr hat mit Annemarie zum ersten Mal eine Schülerin mit Blindheit dieser Schule am „work experience“ teilgenommen. Hier folgt ihr Erfahrungsbericht:
„Im Januar habe ich für eine Woche ein Praktikum an der Southend High School for Girls in England gemacht, einem Mädchengymnasium in der Nähe von London. Besonders wichtig war dieser Auslandsaufenthalt für mich, weil ich, um das Sprachzertifikat Certilingua zu bekommen, eine Arbeit über meine Erfahrungen dort schreiben muss. Ich konnte in dieser Woche eine Menge lernen und viele Erfahrungen sammeln.
Ich war schon öfter für eine gewisse Zeit alleine von zu Hause weg, doch dies war das erste Mal für mich, alleine in einem fremden Land zu sein. Nein, allein war ich nicht wirklich, denn für Blinde wie mich ist es meist schwierig, sich ohne Hilfe in einer unbekannten Umgebung zurechtzufinden. Daher wurde ich von Frau S., einer Lehrerin der Schule für Blinde und Sehbeeinträchtigte, begleitet.
Wir kamen für die Woche gemeinsam in einer Gastfamilie unter, die uns wirklich sehr herzlich empfing und alles tat, um uns den Aufenthalt so schön wie möglich zu gestalten und uns möglichst viel von der Kultur zu zeigen. Ich habe mich sehr gut mit meinen beiden Gastschwestern verstanden und die Erfahrung, eine Woche lang in einer Familie mit einer ganz anderen Sprache, anderen Bräuchen und vor allem einer anderen Esskultur zu leben, war sehr aufregend.
So viele Eindrücke hätte man nie bekommen, wenn man einfach im Hotel übernachtet hätte. Die Kommunikation in der Familie und der Schule lief fast problemlos und wann immer ich ein Problem oder eine Frage hatte, gab es Menschen, die mir gerne geholfen haben. Natürlich braucht man am Anfang immer ein bisschen Zeit, um sich in die Sprache einzufinden, doch je länger man da ist, desto einfacher geht es!
Auch in der Schule habe ich mich wirklich sehr wohl gefühlt. Zwar war es für mich unmöglich, mir innerhalb einer Woche alle Wege im Gebäude einzuprägen, aber ich konnte mir in dieser Zeit doch einen sehr guten Einblick in die Unterschiede zu deutschen Schulen, die teilweise sehr beeindruckend waren, verschaffen.
Die Disziplin und Ruhe, die in der Schule herrschte, und die fortschrittliche technische Ausstattung werden mir vermutlich am längsten in Erinnerung bleiben. Die Ordnung und Struktur machen es nicht nur Menschen mit Blindheit leichter, sich besser zurechtzufinden… Die Lehrerinnen gaben sich große Mühe, mir möglichst viele Schulstunden zu zeigen, auch Fächer, die man in Deutschland nicht unterrichtet, wie zum Beispiel Textilunterricht, Psychologie oder Berufsplanung. Am interessantesten fand ich es, mitzuerleben, wie die Schülerinnen in England Deutsch als Fremdsprache lernen. So wurde die Schulwoche für mich sehr spannend und vor allem eine gute Gelegenheit, mein Englisch aufzupolieren. Und nach einem anstrengenden Tag im vollen und lauten London zum Abschluss der Woche war ich wirklich traurig, als es dann wieder zurück nach Hause ging.
Ich würde jedem, der sich noch unsicher ist, auf jeden Fall empfehlen, einen Auslandsaufenthalt zu machen und dabei in einer Gastfamilie zu wohnen, da man nicht nur seine Sprachkenntnisse verbessert, sondern auch viele Kontakte knüpfen, andere Menschen treffen und Eindrücke sammeln kann, die man in einem normalen Sommerurlaub vermutlich nicht bekommen würde. Vor meiner Woche in England hatte ich auch viele Bedenken, ob ich alles verstehen würde, ob ich mich dort zurechtfinden und mit der Familie verstehen würde. Am schönsten war für mich das Gefühl, als sich herausgestellt hat, dass diese Bedenken völlig umsonst waren.“
(Annemarie für das ISaR-Projekt 2014)
Ich bin 22 Jahre alt, geboren im Rheinland und lebe jetzt für mein Studium der Sonderpädagogik in Dortmund. In meiner Freizeit mache ich gern Sport, Leichtathletik und Schwimmen und interessiere mich für Musik und Film. Ich treffe mich gerne mit Freunden.
Ich habe ein Sehvermögen von 30 Prozent. In meiner Schulzeit war es immer wichtig, dass der Klassenraum gut beleuchtet war. Das erleichterte mir das Lesen von Texten und Tafelbildern. Außerdem hatte ich immer das Glück, vorne in der Klasse zu sitzen. Das begleitet mich jetzt immer noch durch mein Studium. Ich habe gemerkt, dass man für eine gesellschaftliche Integration als Sehbeeinträchtigter sehr offen sein und selbstbewusst mit der Behinderung umgehen sollte. Sonst wird die zwischenmenschliche Kommunikation schwierig und es wird mühsamer, soziale Kontakte zu finden. Die Behinderung verlangt von einem viel Organisation. Dies fängt bei der fristgerechten Beantragung der Zeitverlängerung bei Klausuren an und hört bei der richtigen Verwendung des Hilfsmittels auf. In der Uni nutze ich viel mein Monokular oder mein iPad, das ich zur Vergrößerung meiner Arbeitsmaterialien brauche. Früher habe ich ab und zu auch Lesesteine benutzt.
Von der Eingangsklasse bis zur Klasse 4 ging ich auf eine Förderschule „Sehen“. Ich wechselte danach auf die integrative Gesamtschule.
Für meine Mitschülerinnen war es am Anfang in der Klasse 5 ungewöhnlich, dass ich meine Hilfsmittel benutzt habe. Ich hatte damals den Mut, selbst zu erzählen, warum ich Hilfsmittel benötige. Aber ich habe sehr positive Erfahrungen gemacht, dass sie mich trotzdem akzeptiert haben, so wie ich bin. Meine Lehrerinnen waren sehr offen für Neues und haben mich im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterstützt.
In bestimmten Sportarten wie Squash, Badminton oder Basketball konnte ich meine Leistungsbereitschaft und mein sportliches Leistungsvermögen im Sportunterricht nicht präsentieren. Wenn ich nochmal nachgefragt habe, konnte der Sportlehrer mir die Bewegungsabläufe zwar erklären, aber bei den oben genannten Sportarten habe ich einige Male ausprobiert und dann aufgegeben. Die Alternative dazu waren dann Ausarbeitungen über die jeweilige Sportart. Bei einer Sporteinheit ging es ums Fahrradfahren, da habe ich dann ein Tandem von der Schule geliehen bekommen. Hier zeigen sich sehr gut die Grenzen von Inklusion.
Klassenarbeiten habe ich immer auf A3 kopiert bekommen. In der Oberstufe haben Lehrerinnen die Textvorlagen so geändert, dass die Schriftgröße angepasst wurde. Ab der 6. Klasse wurde mir als Hilfsmittel ein Laptop zur Verfügung gestellt. Darunter hat meine Handschrift gelitten. Von der 5. bis zur 10. Klasse wurde ich von Sonderpädagoginnen der Gesamtschule betreut, die mich besonders im sozialen Bereich gefördert haben. Ab der 11. Klasse wechselte der Förderstatus zurück an die Förderschule Sehen, die mich dann im GL unterstützt hat. Ich würde es heute noch einmal schulisch so machen. Die Förderschule Sehen hat den Grundstein dafür gelegt, mit der Behinderung selbstbewusst umzugehen und mir wertvolle Techniken im Umgang mit der Beeinträchtigung gezeigt. Die Gesamtschule hatte den Vorteil, dass man alle Abschlüsse machen und bis zur 13. Klasse auf einer Schule bleiben konnte. Als Förderschule wäre ein Internat in Soest die Alternative gewesen.
Insgesamt kann ich rückblickend sagen, dass der Wechsel an eine integrative Gesamtschule das Richtige für mich war. Ich habe dort sehr unterschiedliche Menschen kennengelernt, mit denen ich noch weiterhin Freundschaften pflege, und habe als Behinderter gelernt, auch auf andere Menschen mit Behinderungen oder andere Mitschüler*innen Rücksicht zu nehmen. Natürlich gab es auch Schattenseiten des Ganzen, aber ich glaube, das Positive überwiegt. Ich halte Inklusion für das Richtige, allerdings mit vernünftigen Mitteln!
Ich bin 20 Jahre alt und werde in 1,5 Monaten 21. Ich bin mit grauem Star zur Welt gekommen und war dementsprechend blind. Als ich ca. 3 Monate alt war, wurde dies in einer der U-Untersuchungen diagnostiziert und ich wurde daraufhin operiert und bekam künstliche Linsen. Am linken Auge habe ich Strabismus und an beiden Augen Nystagmus. Nach einiger Zeit hatte ich erhebliche Probleme mit meinem Augeninnendruck, was dazu führte, dass ich grünen Star bekam. Eine Zeit lang war nur mein rechtes Auge betroffen und mit 8 Jahren war es nur noch mein linkes Auge, welches stark betroffen war. Bis zum Ende meiner Grundschulzeit hatte ich zwar immer erhöhten Augendruck, aber ich konnte noch gut sehen und konnte auch immer mal wieder meine Brille abnehmen. Als ich ungefähr 10 Jahre alt war, war ich andauernd auf meine Brille angewiesen und ab da verschlechterte sich auch meine Sicht. Von Geburt an wurde ich fast jährlich operiert und erhielt auch dementsprechend eine neue Brille. In der Grundschule hatte ich nie Probleme und konnte alles gut sehen. Als ich in die weiterführende Schule kam (ich besuchte eine Gesamtschule), nahm mein Gesichtsfeld und meine zentrale Sehschärfe ab. Sie beeinträchtigte mich aber noch nicht allzu sehr. Ich konnte in der Klasse dort sitzen, wo ich wollte, und konnte auch noch gut von der Tafel ablesen. Als ich in die siebte Klasse kam, sprach mich eines Tages meine Lehrerin im Biologieunterricht an und fragte mich, ob ich Probleme beim Ablesen der Tafel hätte. Ab da wurde mir bewusst, dass ich überwiegend beim Sitznachbarn geschaut hatte, um abzuschreiben.
Seitdem saß ich immer weit vorne bzw. ich musste immer weit vorne sitzen, damit ich ansatzweise erkennen konnte, was vorne angeschrieben wurde. Das hatte leider nicht jedem im Unterricht gepasst… Meine Klassenkameradinnen fingen an, sich zu beschweren. Sie fanden es unfair, dass ich einen Platz weit vorne in Anspruch nahm und ich ihnen somit die Chance nahm, auch vorne sitzen zu können. Sie verstanden nicht, dass es notwendig für mich war. Sie glaubten mir nicht, dass ich sehr schlecht lesen konnte. Sie nannten mich eine Lügnerin, weil ich doch die Jahre davor auch keine Probleme hatte und jetzt auf einmal schon. Sie haben mir vorgeworfen, ich täte das nur, um meine Noten zu verbessern, und ich könnte doch gut lesen, weil ich mit Arbeitsblättern keine Probleme hatte – nur mit Plakaten und Tafelschriften. Egal, wie ich es ihnen zu vermitteln versuchte, sie wollten mir keinen Glauben schenken, und es war ein wenig hart für mich. Ich wurde schnell zur Außenseiterin, und sie hatten nur einen Grund mehr, mich auszuschließen. Selbst wenn die Lehrerinnen versucht haben, es ihnen zu erklären, entstand nur ein weiterer Vorwurf, dass ich doch bevorzugt werde. Einige Lehrerinnen konnten mit diesem Vorwurf nicht umgehen, und in ein paar Fächern musste ich dann hinten sitzen, und das hat schon meine Noten beeinträchtigt. Und das nur, weil manche Lehrerinnen nicht damit umgehen konnten. Das Ganze lief bis zu meinem Abschluss so, und ich entschied mich dazu, mein Abitur an derselben Schule zu machen. Im Abitur hat man es deutlich mehr respektiert, dass ich weit vorne sitzen musste, und ich hatte keine Probleme mit meinen Mitschüler*innen. Aber in der 12. Klasse gab es dann eine erneute Wendung. Bis zur 12. Klasse hatte ich dennoch jährlich Operationen. Etliche Versuche, den Augeninnendruck in den Griff zu kriegen… Ich hatte die Operationen immer in den Ferien, sodass ich die Schule nicht verpasst habe. Aber mit der Zeit nahm natürlich mein Gesichtsfeld immer mehr ab. Mit meinem linken Auge sah ich ab da offiziell nur noch 20 %. Aber trotzdem diente mir mein linkes Gesichtsfeld gar nicht mehr und ich nutzte das linke auch nicht mehr. Mein Kopf ist immer geneigt gewesen, sodass ich immer mit meinem rechten Auge schaute. Der Nystagmus hinderte mich oft daran, aber mittlerweile habe ich ihn viel besser im Griff als damals.
Wenn mir jemand in eine bestimmte Richtung zeigte und ich einen Gegenstand sehen sollte, ist der Nystagmus extrem und ich verlor die Orientierung. Manchmal wurde mir davon schwindelig. Alles, was links von mir passierte, nahm ich nicht mehr wahr, und daher passiert es oft, dass ich täglich Menschen umrenne und sogar bei großem Verkehr Autos übersehe. Wenn ich durch die Flure in der Schule lief, bin ich an bekannten Menschen einfach vorbeigelaufen, und sie wunderten sich immer, warum ich sie ignorieren würde. Dabei hatte ich sie einfach nicht gesehen. Dies sorgte für viel Streit unter Freunden… Im Sportunterricht gab es viel Bewegung und ich bekam es nicht hin zu fokussieren, was gerade alles geschieht. Dies hatte zur Folge, dass ich immer wieder und wieder von Bällen getroffen wurde. Ich fiel oft hin, weil ich meine Umgebung nicht mehr wahrnehmen konnte. Wenn wir Federball oder Ähnliches gespielt haben, war ich immer die Schlechteste. Ich schlug immer daneben, ich habe immer danebengeworfen, und es machte mich irgendwann sehr traurig. Bei Teamspielen wurde ich immer als Letztes gewählt, weil ich so schlecht war, und auch sonst war jede Sportstunde der Horror für mich. Irgendwann habe ich nur Gründe gesucht, nicht mitmachen zu müssen. Oft bin ich mitten in der Stunde aus der Halle gegangen und habe in den Umkleidekabinen geweint, weil ich nicht verstand, was los war. Warum es schlechter wurde. Im Unterricht konnte ich nicht mehr von der Tafel lesen, selbst wenn ich ganz vorne saß. Texte auf Arbeitsblättern waren plötzlich unmöglich für mich. Nichts bekam ich mehr hin und ich verzweifelte. Ich hatte Angst, es meinen Lehrerinnen zu erzählen oder meinen Mitschülerinnen. Ich hatte Angst, dass es so wird wie damals in der Sek I. Eines Tages erzählte ich es meinem besten Freund, und er gab mir den Mut, es meinen Lehrerinnen zu erzählen, da mein Abitur davon abhängig war. Ich sammelte meinen ganzen Mut und erzählte es meinem Stufenleiter und meiner Stufenleiterin. Dinge änderten sich. Ich bekam Extradrucke, wo meine Klausuren und Arbeitsblätter größer gedruckt wurden in jedem Fach. Die Lehrerinnen bemühten sich, größer an der Tafel zu schreiben, und ich bekam verlängerte Zeit in den Klausuren. Aber irgendwann gab es auch hier Beschwerden. Einige Schülerinnen beschwerten sich, dass ich 30 Minuten Nachteilsausgleich in meinen Klausuren bekam. Einige Lehrerinnen vergaßen oft, meine Arbeitsblätter in größer zu drucken, und andere wiederum beachteten dies gar nicht erst. Der Sportunterricht war nach wie vor furchtbar und ich bekam vom Arzt die Diagnose, dass meine zentrale Sehschärfe immer mehr abnimmt. Die 12. Klasse war das schlimmste Jahr meiner Schulzeit. Mein bester Freund unterstützte mich und versuchte immer, mir zu helfen. Er dachte sich Ideen aus, um mir im Sportunterricht auszuhelfen – wie kleine Glocken an Federbällen, damit ich hören kann, wo sie hinfliegen. Aber selbst seine Hilfen lassen mich ein Ereignis nicht vergessen.
Ich möchte von einem Geschehen erzählen, welches mich sehr geprägt hat. Mein Stufenleiter hatte Zettel an all meine Fachlehrerinnen verteilt, wo die Bedingungen draufstanden, damit ich von der Tafel lesen kann und auch von den Arbeitsblättern, die man bekam. Er bat mich, dass ich meine Lehrerinnen auf die Zettel anspreche, um Fragen zu klären. Ich hatte mit jedem alles abgesprochen und es fehlte nur noch meine Kunstlehrerin. Es war eine offene Unterrichtsstunde und alle arbeiteten. Sie ging herum und als sie an unserem Gruppentisch ankam, fragte ich sie, ob sie den Zettel erhalten hat und ob sie dazu Fragen hätte. Sie bejahte es und schaute mich eine Weile an. Ich fragte sie, warum sie mich so lange anschaute, und sie sagte daraufhin: „Ich wollte nur sichergehen, ob du mich auch siehst“, und sie lachte. Fast alle im ganzen Klassenraum hatten es mitbekommen und sie lachten auch. Selbst mein bester Freund… Sie entschuldigte sich direkt, als sie merkte, dass ich keine Reaktion zeigte. Ich musste weinen, fühlte mich verletzt und verließ den Klassenraum. Ich war sehr sauer und traurig. Nicht nur wegen der Lehrerin, sondern weil ich wirklich Hoffnung hatte, dass man mich verstehen würde, dass man mir helfen möchte – und man mir dann diese Hoffnung nahm. Über die restliche Zeit des Abiturs möchte ich gar nicht erst sprechen. Ich will nicht sagen, dass es extrem schwer war, aber es war auch nicht leicht. Ich konnte bis zu dieser Situation relativ gut mit meiner Beeinträchtigung umgehen, aber als dann dieser Vorfall war, habe ich erst wirklich gemerkt, wie es ist, anders zu sein. Nicht zu sein wie die anderen, und dass man schnell missverstanden werden kann. Es fiel mir also ab da sehr schwer, damit umzugehen, weil ich auch nicht die nötige Unterstützung unbedingt bekam. Der Umgang mit meiner Beeinträchtigung fiel mir einfacher, als ich dann zu studieren begann.
Durch meine Beeinträchtigung hatte ich allerdings keine Probleme, Freunde zu finden. Nein, sie half mir sogar, die wahren unter ihnen zu finden. Denn diejenigen, die von meiner Beeinträchtigung wussten und sich deshalb distanzierten, wollte ich auch gar nicht erst in meiner Nähe haben. Und erst recht nicht die Menschen, die regelmäßig Sprüche im Unterricht abließen. Ob es nun in der Sek I war oder in der Sek II. Ich hatte ein paar wenige, die immer zu mir gehalten haben und versucht haben, mir die Schulzeit angenehmer zu gestalten. Sei es das Vorlesen eines Tafelbildes, im Sportunterricht, das Auf-mich-Aufpassen, wenn wir in Dunkelheit durch die Straßen liefen, oder andere kleine Dinge, die mir das Sehen erleichterten. Mein bester Freund war das Sehen, das ich benötigte, und er ist eine der entscheidenden Personen, die mir halfen, mein Abitur zu überstehen. Während alle in meinem Jahrgang ihren Führerschein machten und ich die Einzige war, die nicht konnte, ermutigte er mich umso mehr, dass ich doch nicht unbedingt einen brauche. Das war sehr hilfreich, um mich emotional aufrechtzuerhalten. Vor allem aber auch, dass er mich oft vergessen ließ, dass ich überhaupt eine Beeinträchtigung habe. Mir war es immer wichtig, dass man es berücksichtigt und respektiert, dass ich nicht gut sehen kann, aber auch, dass man mich dennoch so behandelt, wie jeder behandelt werden möchte – und nicht so, als wäre man zerbrechlich und hilflos und 24 Stunden auf Hilfe angewiesen. Das würde ich nie wollen.
Bestimmte Hilfsmittel nutzte ich nicht und ich brauchte sie auch nicht. Mir war der Großdruck wichtig und die verlängerte Klausurzeit. Denn wegen meiner verzögerten Wahrnehmung brauchte ich diese Zeit. Sicher wäre es vielleicht einfacher gewesen, auf eine Förderschule zu gehen. Aber jetzt war ich schon so lange auf einer Regelschule – da wollte ich es auch dort zu Ende bringen, selbst wenn es schwer war.
Meiner Meinung nach kann man es Schülerinnen deutlich einfacher machen, wenn man mal offener mit solchen Dingen umgehen würde. Ich hatte nämlich den Eindruck, dass meine Schule ziemlich überfordert damit war, als ich zusätzliche Unterstützung brauchte – und ich finde, so sollte es nicht sein. In der Schule wird den Schülerinnen immer vermittelt, dass Mobbing schlecht ist etc. Aber den Schülerinnen sollte auch mal vermittelt werden, dass zum Beispiel nicht jeder Schüler*in laufen, hören oder sehen kann. Man sollte ihnen beibringen, wie man damit umgehen sollte – und dass man nicht befremdlich demgegenüber sein muss oder dass man denjenigen wie etwas Zerbrechliches behandelt. Ich finde, so würde die Integration von Kindern besser mit Sehbeeinträchtigung gelingen. Es muss nicht immer auf eine schwierige Weise laufen wie bei mir.
(Name geändert)
Heute blind, war ich stark sehbeeinträchtigt im Kleinkindalter. Ich habe eine Grundschule für Blinde und Sehbehinderte besucht, danach in einer allgemeinen Realschule meinen Abschluss gemacht. Einmal pro Woche kam für zwei Stunden eine Lehrerin von einer Förderschule Sehen. Sie war teilweise mit im Unterricht. Mathe und Kunst waren besonders wichtig. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sehr hilfreich ist, die Mitschülerinnen über die Sehbeeinträchtigung aufzuklären. Die Lehrerin im gemeinsamen Lernen hat zum Beispiel dafür eine Doppelstunde von der allgemeinen Schule zur Verfügung gestellt bekommen. Meine Mitschülerinnen mussten dann Simulationsbrillen aufsetzen. Damit sollten sie dann selbst schreiben und durch den Raum laufen, damit sie merken, wie anstrengend der Alltag mit Sehbeeinträchtigung ist – und damit sie nicht lachen, wenn ich irgendwo vorlaufe.
Ich habe durch andere Klassen erfahren, dass es auf die Mitschülerinnen, die Lehrerinnen und den Menschen mit Beeinträchtigung selbst ankommt, wie man mit einer Sehbeeinträchtigung umgeht. Ich habe ein recht gutes Selbstbewusstsein. Ich hatte ein Monokular und ein BLG und bin offen damit umgegangen. Ich hatte allerdings auch einen Freund, der sich für seine Hilfsmittel geschämt hat – der wurde gemobbt. Wichtig ist, zu akzeptieren: Ich brauche jetzt eine Lupe und kann auch nicht ohne Hilfsmittel von der Tafel ablesen.
Ich kannte mich wegen der Förderschule damit aus, da war der Hilfsmittelgebrauch alltäglich und keine Besonderheit.
An der Regelschule ging es in Kunst um das Fluchtpunktzeichnen. Deshalb war eine alternative Herangehensweise für mich wichtig: auf größeres Papier zeichnen und nicht so filigran. Es war wichtig, dass eine Lehrperson dabei war, die darüber aufklärt, erklärt und Alternativen anbietet. Ich hatte oft Lehrerwechsel, da war das besonders wichtig. Eine coole Kunstlehrerin hat sich dann etwas mit Pappmaché für die ganze Klasse ausgedacht. Alle Schüler*innen bekamen Augenbinden (Dunkelbrillen) auf, alle sind „benotet“ und somit verglichen worden. Da habe ich gut abgeschnitten.
In Mathe war der Bereich Geometrie für mich schwierig. Es wurde Wert darauf gelegt, dass meine Rechnungen richtig waren, und der Nachteilsausgleich griff, wenn ich nicht ganz so korrekt gezeichnet habe.
Die Lehrerinnen müssen meiner Meinung nach nicht nur über Behinderung reden, sondern viel anbieten, damit Mitschülerinnen diese verstehen können.
Ich habe vor zehn Jahren meinen Realschulabschluss gemacht. Da war Inklusion noch nicht so fortgeschritten – alleine schon in bürokratischen Dingen. Mich wollte keine allgemeine Schule annehmen, als ich mein Fachabitur bzw. mein Abitur an einem Berufskolleg plante. „Wir können die Verantwortung nicht übernehmen.“ – „Unser Schulgebäude ist ja nicht barrierefrei.“ – „Ich habe aber noch so viele andere Schülerinnen, da kann ich es nicht leisten, extra auf weißem Papier Arbeitsblätter auszudrucken.“ Die wollten sich nicht damit auseinandersetzen. Letztlich bin ich an ein Kolleg für Blinde und Sehbeeinträchtigte gegangen. Das war erst mal ungewohnt. An meinem ersten Tag bin ich durch die Schule gelaufen. Da wurde eine blinde Person von Mitschülerinnen ausgelacht, weil sie blind war. Da habe ich gesagt: „Wir sind doch alle sehbehindert hier.“ Ich hätte nie damit gerechnet, dass sich in einer solchen Schule einige Sehende über die Blinden erheben wollen.
Bei mir hat sich die Sehbeeinträchtigung im Laufe der Zeit zur Blindheit entwickelt. Ich finde, der Druck muss bei akuten Sehverschlechterungen erst mal raus. Vielleicht müsste man erst einmal Zeit bekommen, mit der Sehbeeinträchtigung umzugehen. Diesen Umweg über Baustellen habe ich mehrfach gemacht. Manchmal braucht die Familie sogar eher Hilfe als der oder die Betroffene, weil das Kind plötzlich so hilflos gesehen wird. Offenheit ist wichtig – über alles reden. Selbsthilfegruppen, Psychologen.
Geholfen hat mir, dass meine Eltern mit den Lehrerinnen geredet haben. Beide Seiten müssen zusammenspielen und haben sich in meinem Fall dann entschieden, den Druck für je ein Schuljahr herauszunehmen. Dazu gehört eine gewisse Offenheit der Schule. Ich konnte dann den Kontakt zu Mitschülerinnen weiter pflegen. Wir haben uns nachmittags getroffen. Eigentlich wollte ich mich bei einer Veränderung des Sehens lieber zurückziehen, aber ich hatte ein paar sehr gute Freunde.
Was ich den Lehrer*innen der allgemeinen Schule heute mit auf den Weg geben würde?
Ganz gezielt den Schüler fragen, wie er schaut, wie man sich das Sehen vorstellen kann. Fragen, welche Ansprüche er an sein Arbeiten und die Vorlagen aus der Schule hat – alles digital oder große Kopien. Am besten unter vier Augen. Es sollte nicht ständig im Unterricht betont werden, dass man ja Vergrößerungen bekommt. „Ach, für dich habe ich ja die Dateien auf dem Stick, weil du siehst das nicht.“ Man will einfach dazugehören, man möchte nicht ständig auffallen. Also sollte es ganz normal sein, dass da jemand sitzt, der blind ist.
Manchmal ist es auch schön, unter Gleichgesinnten zu sein – also unter Menschen, die auch blind oder sehbeeinträchtigt sind.
Von GL-Lehrern würde ich mir wünschen, dass sie alle aufklären – auch warum sie selbst im Unterricht vorbeikommen. Förderschulen sollten meiner Meinung nach nicht komplett geschlossen werden. Es ist die Frage, ob es der richtige Weg für manche Menschen ist, auf eine allgemeine Schule zu gehen, wenn sie nicht zu ihrer Sehbeeinträchtigung stehen. Wenn es das Kind nur belastet, wenn eine GL-Lehrerin kommt. Sonst geht das Getuschel los, wenn man das nicht offen handhabt. Die Mitschüler*innen könnten sonst auch den Eindruck bekommen, dass die GL-Lehrerin dem Kind mit Sehbeeinträchtigung in den Unterrichtsfächern und bei den Lösungen hilft.
Ich bin immer zur allgemeinen Schule gegangen, bis zur 10. Klasse war ich im Gymnasium an meinem Wohnort. Danach bin ich gemeinsam mit meiner Zwillingsschwester zum Berufskolleg (Wirtschaftsgymnasium) gewechselt. Eigentlich hatte ich schon mit etwa 14 Jahren das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Ich habe an der Tafel nicht alles erkennen können oder den Cursor am PC. Mit der Brille konnte kein gutes Ergebnis erzielt werden, und der Augenarzt meinte, das könnte auch psychisch bedingt sein.
Erst beim Sehtest zum Führerschein wurde klar, dass ich mich in einer Augenklinik vorstellen sollte. Dort habe ich die Diagnose „Makuladegeneration, Morbus Stargardt“ bekommen.
Für mich war klar, dass ich trotzdem alles in meinem Leben so weitermache wie bisher. „Mit dem Abitur könnte es jetzt aber schwierig werden!“, sagte der Augenarzt damals.
Ich bin dann aber mit meinen Eltern zusammen zur Klassenlehrerin und zum Bildungsgangleiter gegangen. Wir haben denen die Diagnose erklärt und gemeinsam überlegt, wie es weitergehen kann. Die Lehrer*innen an der Schule meinten, ich könne dableiben.
Meinen Mitschüler*innen habe ich dann selbst erklärt, wie ich sehe. Die Klassenlehrerin hat mir dafür eine Stunde zur Verfügung gestellt. Ich habe Simulationsbrillen mitgebracht.
Ich bekam eine Integrationshelferin (FSJ-Kraft). Sie hat hauptsächlich im Unterricht mitgeschrieben und im Klassenraum und den Fachräumen mit mir zusammen das Laptop und die Tafelbildkamera aufgebaut. Zur Beratung kam stundenweise jemand aus dem Gemeinsamen Lernen von einer Förderschule Sehen. Einige Lehrerinnen, die das alles nicht so verstanden haben, hat die Förderschullehrerin mit mir zusammen beraten. Trotzdem musste ich einigen Lehrerinnen alles immer wieder erklären. Mein Mathelehrer hat bis zum Schluss immer mit einem blauen Stift auf Folie geschrieben. Das konnte ich nicht erkennen. Er hat dann gesagt, er könne nicht an der Tafel schreiben, weil er eine Kreideallergie hätte. Den Kreidehalter, den ich ihm geschenkt habe, hat er, glaube ich, nur einmal benutzt.
Eigentlich wollte ich so viel wie möglich genauso machen wie alle Mitschülerinnen auch. Gelesen habe ich trotzdem mit ZoomText am Laptop oder mit Hilfe der Tafelbildkamera. Manchmal habe ich auch Texte von DIN A4 auf DIN A3 vergrößert bekommen, aber wenn Vorlagen schon schlecht sind, nützt das auch nicht viel. Ich hatte irgendwann einmal freiwillig einen Tastschreibkurs gemacht, aber habe mich in der Schule lange geweigert, am Laptop zu schreiben. Daher habe ich auch keine digitalen Dateien bekommen. Eine Sprachausgabe hatte ich auch nicht. Ich hatte das Fach Betriebswirtschaftslehre mit Rechnungswesen. Da habe ich Tabellen mit vielen Zahlenkolonnen auf Papier bekommen. Das war nicht so ideal. Damals habe ich noch 20 Prozent gesehen, heute studiere ich und sehe noch 5 Prozent, auf einem Auge noch weniger.
In der Zeit bis zum Abitur wusste ich, dass etwas nicht stimmt, aber es wurde nicht herausgefunden. Meine Zwillingsschwester hat es unbewusst gemerkt. Ich habe zum Beispiel nicht gesehen, wenn die Ampel grün war. Mir selber war das nicht wirklich bewusst, dass es an den Augen liegen könnte. Ich glaube, wenn man noch jünger ist, möchte man nicht auffallen. Ich stehe sowieso nicht gern im Mittelpunkt.
Nach dem Abitur habe ich die „Blindentechnische Grundausbildung“ gemacht. Meine GL-Lehrerin hat mich da sehr vorsichtig drauf vorbereitet und mir im Grunde nur den Tipp gegeben, dass das für mich gut sein könnte. Ein Jahr lang nach dem Abitur habe ich die Blindenvollschrift und die Kurzschrift gemacht und mit JAWS gearbeitet. Diese Dinge nützen mir heute sehr in meinem Studium.
Ich hatte auch einige Lehrerinnen, die sind ganz toll mit meiner Situation umgegangen. Sie waren sehr einfühlsam und haben mich gefragt, wie ich arbeiten möchte. Ich fand es blöd, wenn man mir ohne Rücksprache gesagt hat, was ich zum Arbeiten brauche. Es ist meiner Erfahrung nach besser, wenn man mit der Person spricht, zum Beispiel sagt: „Du kannst dich melden, wenn etwas nicht klappt.“ Einige Lehrerinnen haben meine Situation auch komplett ignoriert und haben sich im Unterricht gar nicht umgestellt.
Heute glaube ich, dass gerade an der Universität das Selbstbewusstsein wächst. Irgendwann muss man sich selbst um alles kümmern. Man geht zu den Dozentinnen und sagt, was man braucht. Sonst kommt man einfach auch nicht weiter. In der Schule, glaube ich, hat man noch nicht das Selbstbewusstsein dazu. An meiner Uni gibt es auch gute Beratung wegen des Nachteilsausgleichs.
Zum Thema Inklusion: Das sehe ich kritisch. Der Grundgedanke ist gut, aber zu einfach gedacht. Man kann nicht einfach blinde und sehbeeinträchtigte Schülerinnen zu den allgemeinen Schulen schicken, und die Lehrerinnen können dann dort gar nicht mit umgehen. Alle Lehrerinnen müssten erst anders ausgebildet werden, bevor man Schülerinnen mit Behinderungen dort hinschickt. Ich finde, für einen Lehrerin sollte es selbstverständlich sein, Rücksicht zu nehmen. Man bräuchte Schulungen zum Thema „Inklusion“. Themen wie: „Was muss ich machen, wenn ich ein Kind mit Blindheit in der Klasse habe?“ Man bräuchte auch mehr Sonderpädagoginnen. Bei mir war das so, dass eine Lehrerin nicht wollte, dass ihr jemand in den Unterricht „reinpfuscht“. Alle Lehrerinnen wollten ansonsten aber etwas von meiner GL-Lehrerin. Im Unterricht war sie selten. Es wäre auch nicht so gut gewesen, wenn die GL-Lehrerin neben mir gesessen hätte, also haben wir zwischen den Unterrichtsstunden geredet. Oder sie hat mich in den Nebenfächern aus dem Unterricht geholt. Meine Zwillingsschwester hat manchmal für mich mitgeschrieben. Daher musste ich den Stoff nicht nachholen. Ich war eigentlich gut in der Schule.
Mein Fazit ist eigentlich: Ich würde nicht jeden Schülerin in einer allgemeinen Schule sehen. In der Förderschule hat man auch einen Schutzraum, und auch von dort aus kann ein Wechsel auf eine allgemeine Schule problematisch sein. Am wichtigsten finde ich jedoch: Wenn Schülerinnen mit Sehbeeinträchtigung oder Blindheit an einer allgemeinen Schule unterrichtet werden, dass die Mitschülerinnen gar nicht erst komisch gucken, sondern dass sie sensibilisiert werden – dass Inklusion nichts Besonderes ist, sondern zur Normalität wird.
(Name geändert)
Ich werde 27 und bin irgendwo im Rheinland zur Schule gegangen. Es war eine Montessorischule, jahrgangsübergreifend von der 1. bis zur 4. Klasse. Ich habe ein Jahr länger gebraucht, weil ich oft im Krankenhaus war. Ich bin nicht gut organisiert, hatte aber engagierte Eltern. Ich wusste immer, wo die Materialien zu finden sind. Vor mir in der Klasse war schon einmal ein Junge mit Blindheit unterrichtet worden. Die Lehrerin war engagiert, und die Mitschülerinnen kannten das auch schon. Jeder Erstklässler hatte einen Paten aus der vierten Klasse und bekam Hilfe.
Ich hatte damals auf dem linken Auge seit der Geburt zwischen 2 und 5 Prozent und auf dem rechten einen Grauen Star, Kolobom und Nystagmus. Damit habe ich noch recht gut gesehen, etwa 30 Prozent. Im Laufe der Zeit hat sich ein Glaukom gebildet. Ich habe das eigentlich nie gemerkt. Zusätzlich hatte ich verschiedene Einschränkungen wie Skoliose – das wurde aber erst im Teenageralter bemerkt. Ich kann die Hände nicht so gut bewegen. Ich habe Klumpfüße. Im Sport war das vor allem beim Balancieren schwierig. Mittlerweile trage ich einfach Sportschuhe, wenn ich rausgehe oder Sport treibe.
Von Anfang an hatte ich eine Lehrerin im GL. Irgendwann wurde ich von der zuständigen Förderschule Sehen aus beraten. Einmal die Woche kam jemand raus zu mir an die Schule. In der Grundschule war das hilfreich. Es war immer personenabhängig, ob das gut klappte. Der dritte Lehrer, den ich im GL hatte, hat auch viel die anderen aus der Klasse mit mir zusammen aus dem regulären Unterricht rausgenommen. In der freien Arbeit hat er zum Beispiel mit der Handpuppe gearbeitet und auch mal Blindenschrift beigebracht. Durch den GL waren viele der Materialien barrierefrei. Sport fand ich oft sehr blöd. Ich war ansonsten von den Leistungen her eine gute Schülerin. Ich bin mit vielen aus meiner Grundschule in den weiterführenden Bereich gegangen. Ich war in der Grundschule und beim Übergang noch ziemlich beliebt und happy. Eigentlich wollte ich auf ein Gymnasium, aber die haben mich trotz meiner guten Leistungen nicht genommen – wegen der Sehbeeinträchtigung.
Am Anfang bin ich unvoreingenommen in die Klasse 5 gekommen. Es hat sich schnell gezeigt, dass ich mich nicht so schminken oder Bravo lesen wollte wie die anderen. Es gab viel Neid wegen der Zeitverlängerung, die ich aufgrund meines Nachteilsausgleichs bekam. In der 6. Klasse habe ich dann endlich eine Freundin in der Klasse gefunden. Wir waren die ganzen Jahre befreundet. In der Klasse war es schwierig, ich wurde ein wenig gemobbt, aber war nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit der Mobber. Ich hatte immer Angst, dass die wirklich schlimm gemobbten Leute irgendwann weg sind und dass ich dann dran bin. Ich war eher brav. Manche Mitschülerinnen waren neidisch auf die Aufmerksamkeit, die ich aufgrund meiner Sehbeeinträchtigung bekam. Beim Elternabend kam der Sonderpädagoge und hat erzählt, wie er arbeitet und warum ich Zeitzugaben und Förderung erhalte. Es gab dann Kinder, die sich nicht mit mir anfreunden durften – von ihren Eltern aus. Deren Eltern meinten, ich würde viel Zeit der Lehrerinnen beanspruchen, die ihren eigenen Kindern dann nicht zukommt. Einmal wollten wir Schülerinnen alle in einen großen Freizeitpark – das wollte unser Lehrer jedoch nicht. Die Eltern und Kinder waren daraufhin sauer auf mich, weil sie dachten, das sei meinetwegen. Ab der 8./9. Klasse kam noch ein Mädchen mit uns in unsere kleine Clique, die bei den anderen in Ungnade gefallen war.
Von den Lehrerinnen her: Die waren sehr bemüht und nett zu mir. Viele waren oft auch verplant – das war der Klassiker. Die hatten dann keine Vergrößerungen für mich. Ich hatte ein BLG und habe es auch genutzt, nie so gerne. Ich hatte eine Lupenbrille, die war mein liebstes Hilfsmittel. Das BLG fand ich immer zu klobig. Mit 10 Jahren habe ich damit angefangen, Bücher zu lesen – bis heute. Lernen ist mir leicht gefallen.
Richtig schlimm war Sport. Irgendwann musste ich mich nur noch mit aufwärmen. Selbst wenn ich nur mitlaufen musste, war das demütigend, weil ich immer die Letzte gewesen bin. Irgendwelche Schülerinnen, die ihre Turnsachen vergessen hatten, haben dann mit mir andere Sachen machen müssen – Obstsalat zum Beispiel oder andere Spiele auf Schnelligkeit, Reise nach Jerusalem. Sport in Gruppen mag ich gar nicht, seitdem.
Aus meiner Sicht heute könnte man Sportunterricht so gestalten, dass alle teilnehmen können. Ich finde das nicht gut, weil alle dann wieder auf mich sauer gewesen wären. Die hätten dann nicht alle so Sport machen können wie sonst. Dann muss Sportunterricht sich grundsätzlich ändern, sonst ist es immer von einer Person abhängig. Ich hätte lieber etwas ganz anderes gemacht in der Zeit des Sportunterrichts – Schwimmen. Ich habe mit meinen Eltern geredet, mit den Lehrer*innen eher nicht darüber gesprochen.
Es gab dann eine Phase, wo es schlechter wurde mit dem Sehen. Da musste ich sämtliche Arbeitstechniken umändern. Dann kam ich in ein Internat für Blinde und Sehbehinderte. Mit 17 Jahren war das toll. Es wird einem viel Verantwortung abgenommen. Man wird bekocht, man wohnt in Wohngruppen. Es gab feste Klassen. Im ersten Jahr war ich in der WG für Minderjährige – da ist immer ein Betreuer da. Familiär. Ab der 12. war ich mit einer Freundin und anderen zusammen in einer selbständigen WG mit fünf Leuten.
Heute ist es schwer für mich, eine Sportart zu finden. Es ist ja auch noch meine körperliche Behinderung dabei. Klettern mache ich gern – mit Leuten, denen man vertraut. Ich kann auch andere absichern. Ansonsten gehe ich gern wandern. Das mache ich sehr gern immer noch.
Inklusion ist schwierig. Man sollte mehr Wert darauf legen, die Schwächen von anderen Schülerinnen mehr zu besprechen. Es muss klarer sein, dass es nicht einen Schüler*in gibt, der eine Schwäche hat, sondern dass jeder eine Schwäche hat.
Es sollte ein Mittelding geben zwischen Inklusion und Förderschulen. Dass eine Schule z. B. auf Sehen spezialisiert ist und dass der Großteil in der Klasse normalsehend ist, aber zum Beispiel vier Schüler*innen mit Sehbeeinträchtigung.
In der zuständigen Förderschule damals gab es Peergroup-Angebote – die habe ich gerne mitgemacht. Für mich war eher wichtig, dass ich mal andere und ältere Schüler*innen getroffen habe, die auch sehbeeinträchtigt waren. Man kommt mal raus, ist mal nichts Besonderes. Das waren coole Leute.
Was ich den Lehrern mit auf den Weg geben würde: sensibel sein, nicht zu lange warten, die Möglichkeit von Förderschule beibehalten. Versuchen, darauf zu achten, das Klassenklima gut zu halten.
An die Schüler: Ohren steif halten.
eine Schulkarriere war zweigeteilt. Bis zur 10. Klasse bin ich auf eine Realschule gegangen. Damals konnte ich noch Fahrrad fahren. Da hatte ich aber schon nur noch 50–40 Prozent Sehvermögen wegen einer Netzhautablösung.
Das Ablesen der Tafel klappte noch ganz gut. Meine Entfernung zur Tafel und entsprechend gutes Licht mussten dafür jedoch vorhanden sein. Das Erkennen von Farben war total problematisch. Die aufklappbaren Flügel der Tafel waren meist auch nicht mehr lesbar. Ich hatte ein Geschwindigkeitsdefizit. Ich konnte nicht so schnell abschreiben wie die Mitschülerinnen und Mitschüler. Ich hatte nicht immer den Mut oder nicht die Lust zu sagen, dass ich noch nicht so weit war.
Ich wusste von den Ärzten, dass ich aufgrund von Netzhautablösung ein vermindertes Sehvermögen habe. Meine Netzhaut ist sehr dünn. Meine Eltern haben mit den Lehrerinnen und Lehrern meiner Schule gesprochen. So etwas wie ein Nachteilsausgleich war nicht bekannt und nie Thema. Eine Möglichkeit wie Gemeinsames Lernen kannten wir nicht. Vor allem der Physikraum und der Chemieraum waren die Vollkatastrophe – da war die Tafel hinter dem Versuchspult und musste hochgeschoben werden. Trotz erster Reihe war Ablesen für mich überhaupt nicht möglich. Auch das Arbeiten am Tageslichtprojektor war beliebt, gerne wurde da auch mit hellen Farben auf Folie geschrieben. Ich habe mich total angestrengt, konnte aber nie etwas erkennen.
Die Lehrer wussten ja Bescheid, aber konnten trotzdem nichts mit meinem Sehen anfangen. Ich habe immer gedacht: Wenn die Lehrer wissen, wie ich sehe, aber nichts machen, gibt es wohl auch keinen anderen Weg.
Im Nahbereich brauchte ich eine Lesebrille. Ich hatte weder eine gute Sehschärfe noch ein gutes Gesichtsfeld. Wenn ich vorlesen musste, war ich sehr gestresst, weil ich so langsam war. In den Büchern und Schulheften waren viele Farben. Dunkelblaue Schrift auf hellblauem Hintergrund ging zum Beispiel gar nicht.
In der Uniklinik war eine Sehschule, die Leute dort hatten uns aber gesagt, dass sie nichts mit Schule zu tun haben. Durch Zufall hat das einmal eine Ärztin mitbekommen und hat uns über die Möglichkeit der Beratung in der Beratungsstelle in einem Berufskolleg für Blinde und Sehbehinderte informiert.
Dann war für mich die Entscheidung klar, dass ich dorthin wechsle. Ich war vorher lange im Krankenhaus, weil sich wieder die Netzhaut abgelöst hatte, wegen des Augendrucks. Danach musste ich mich vom Sehen her komplett neu einstellen. Ich bin eigentlich immer draußen gejoggt, und dann ist mir aufgefallen, dass ich plötzlich vermehrt über Sachen stolpere, die ich nicht gesehen habe. Die Operation hatte dazu geführt, dass sich mein Gesichtsfeld verändert hat. Beim Fahrradfahren bin ich dann eines Tages auf der Straße gefahren. Ich hatte das Gefühl, dass ich ganz rechts fahre, aber ich bin wohl komplett in der Mitte gefahren. Gut, dass nichts passiert ist, denn es kam mir ein Auto entgegen – ich habe es erst im letzten Moment wahrgenommen. Nach dieser Erfahrung habe ich das Radfahren aufgegeben. Ich habe mich im Fitnessstudio angemeldet, um dann auf dem Laufband zu trainieren.
Im Berufsbildungswerk für Blinde und Sehbehinderte war das Arbeiten dann für mich eine echte Erlösung. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, ich kann ohne Angst in die Schule kommen. Der Unterricht war so organisiert, dass ich alles mitbekommen konnte. Tafelarbeit gab es selten. Ich habe alles in Papierform bekommen. Mathematische Sachen wurden verbalisiert oder so aufbereitet, dass Lösungswege auf Papier präsentiert und nicht an der Tafel durchgesprochen wurden. Tageslichtprojektoren kamen eigentlich gar nicht zum Einsatz. Es gab viel weniger Schülerinnen und Schüler in der Klasse. Ich hatte – so wie jeder andere auch – ein Hilfsmittel: ein Bildschirmlesegerät. Es hat einfach plötzlich alles gut geklappt. Allein das Hilfsmittel war ein Riesenvorteil, es gab auch keine Handhabungsprobleme.
In der allgemeinen Schule wusste ich, dass es nicht an mir liegt, sondern an den Umständen, wenn meine Leistungen nicht so gut waren. Die Lehrerinnen und Lehrer haben leider nicht die Verknüpfung hergestellt, dass sie ihren Unterricht umstellen könnten. Beim Tafelbild mitreden und synchron mitsprechen wäre gut gewesen. Mit Pausen. Ich habe immer gedacht, dass es doch Zeichen sind, die sie hätten erkennen müssen. Korrekturen von Mathearbeiten konnte ich nicht erkennen und habe diese dann nicht richtig abgeschrieben – das hätte die Lehrerin doch sehen müssen. Aber da kam nichts, es wurde eine schlechte Note für die Korrektur gegeben. In Englisch hat der Lehrer immer Lückentexte auf den Tageslichtprojektor geworfen und willkürlich Leute drangenommen. Das war immer die schlimmste Stunde, weil ich nicht wusste, ob ich drankomme und das nicht lesen kann.
Meine Eltern haben dann mit dem Lehrer gesprochen und erklärt, warum ich so nicht arbeiten kann. Ich wurde nach dem Gespräch dann gar nicht mehr drangenommen – aber ich bekam ja trotzdem nichts mit. Man hätte mir die Lückentexte zum Beispiel in Papierform geben können. Ich hatte keine Möglichkeit, die mündliche Note zu verbessern.
Die Mitschüler wussten alle, dass ich anders sehe. Ich hatte ein Monokular, aber das Arbeiten damit ist so langsam, dass das keinen Sinn für mich machte. Ich hatte einen guten Freundeskreis. In der Disco oder bei Feten nicht zu wissen, wo man ist, weil man nachtblind ist, war allerdings keine gute Erfahrung.
Ich habe auch mit einem Kumpel ab und zu für Mathe gelernt. In Geometrie hatte ich noch so viel Sehvermögen, dass ich ganz gut zeichnen konnte – nur das Arbeiten auf Millimeterpapier war schwierig.
Das Schlimme war: Ich habe einer meiner Lehrerinnen in der Realschule gesagt, dass ich meine schulische Laufbahn in einem Gymnasium oder einem Berufsbildungswerk für Blinde und Sehbehinderte weiterführen möchte. Da hat die Lehrerin gesagt, dass ich so weit weg wäre von einem Abitur, dass sie sich das nicht vorstellen kann.
Als ich in Klasse 10 war und mein Sehvermögen sich nach der Operation noch verändert hatte, sind wir an einer Förderschule Sehen gewesen und dort beraten worden, was Lineaturen angeht. Die haben dort einen Sehtest gemacht. Das war aber schon kurz vor der Entscheidung, zum Berufsbildungswerk für Blinde und Sehbehinderte zu gehen. Dort habe ich auf Anhieb die Qualifikation für die Oberstufe geschafft und bin direkt in die Klasse 11 gewechselt und durchs Abitur gegangen.
Ich studiere jetzt und möchte Lehrer am Berufskolleg werden. Es kann dann sein, dass ich Schülerinnen und Schüler berate, die im Lernen oder Sehen Unterstützungsbedarf haben werden – weil ich andere Menschen davor schützen möchte, dass schlechte Leistungen als schlechte Leistungen abgestempelt werden, ohne Diagnostik zu betreiben.
Was ich mir damals gewünscht hätte?
Die Schüler nicht vor der Klasse ansprechen, sondern zur Seite nehmen und – ohne voreingenommen zu sein – nach den Bedürfnissen fragen. Oder zu fragen, was im Unterricht gut läuft und was nicht, ohne sich in seiner Profession auf den Schlips getreten zu fühlen. Sich nicht zu schade zu sein, vom Schüler Tipps anzunehmen und den Schüler ehrlich sein lassen. Wenn man merkt, da ist ein Problem, dieses nicht vorschnell als Faulheit abzutun und nachzuforschen, woran das liegen könnte.
Ich saß übrigens im Sportunterricht von der 5. bis zur 10. Klasse auf der Bank. Ich durfte nicht teilnehmen, weil ich ein Attest wegen der Netzhautablösung hatte. Es hätte aber bestimmt im Sport Bereiche gegeben, die ich hätte machen können. Ich saß aber immer auf der Bank. Ich hatte dort keinen Tisch und hätte nicht einmal in der Zeit für andere Fächer lernen können.
Im Nachhinein denke ich: Irgendjemand musste gewusst haben, dass es Möglichkeiten gibt, sich Hilfe zu holen.
Inklusive Settings finde ich super. Aber die Förderschule hat auch Vorteile. Weil unabhängig von allen fachlichen Aspekten ist der Peergroup-Bezug wichtig. Die Erfahrung zu machen: Ich bin nicht der Einzige, der blind oder sehbeeinträchtigt ist. Mal nicht der Einzige zu sein mit Schwerbehindertenausweis.


