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Fakultät Rehabilitationswissenschaften
Diskussion

Gefährdung durch Schwarzlicht

Im Folgenden werden drei Beiträge vorgestellt, die diskutieren, ob von der Arbeit mit "Schwarzlicht" gesundheitliche Gefahren ausgehen.

Im Heft 3/2006 von blind-sehbehindert wird in einem Beitrag von Sven Degenhardt der Einsatz von "Schwarzlicht" bei der Förderung von Sehgeschädigten in Frage gestellt.
Die wichtigsten Argumente sollen im Folgenden dargestellt werden. Eine gründliche Lektüre des Aufsatzes wird empfohlen.
Die Strahlung der UV-A- Leuchtstofflampen kann die Augenlinse (Katarakt) und die Netzhaut gefährden.
Der kleine Blauanteil im Bereich 410 nm kann zu einer Fehleinschätzung der Strahlungsintensität führen, d.h. die Intensität des sichtbaren Anteils wird als Maß der Strahlenstärke der UV-Strahlung genommen, die in Wirklichkeit viel höher ist.
"Das schwache blau-violette Licht scheint eine kleine Distanz geradezu nahe zu legen..." (225)
Auch bei indirekter Bestrahlung liegt UV-Licht vor, das reflektiert und gestreut wird. Der durch Absorption nicht mehr wahrnehmbare Blauanteil der reflektierten Strahlung erzeugt den Anschein nicht vorhandener UV-Strahlung, die aber gar nicht sichtbar ist.
Deshalb kann das Auge die Strahlendosis nicht regulieren, wie bei sichtbarer Strahlung. Die Dunkeladaption führt zu weit geöffneten Pupillen, wodurch eine höhere Strahlendosis eindringen kann.
Bestimmte Medikamente können eine Photosensibilisierung der Haut bzw. Netzhaut hervorrufen, die die Wirkung der UV-Strahlung noch erheblich verstärken können.
Davon sind v.a. Mehrfachbehinderte betroffen.
Da es keine sicheren Grenzwerte der UV-Strahlung gibt, sind die kurze Zeitdauer, ein höherer Abstand und indirekte Bestrahlung keine ausreichenden Schutzmaßnahmen.
Schutzbrillen sind nur dann geeignet, wenn sie auch einen Teil des Blaubereichs herausfiltern, was oft nicht gegeben ist. Die Sensibilisierung der Haut durch Medikamente steht dem Einsatz auch so entgegen. Daher folgert Degenhardt:
"die einzige Schutzmaßnahme bleibt der Nicht-Einsatz von UV-A-Strahlung; die Trennung von UV-A-Strahlung und Blindenpädagogik." (230)

Im Heft 2/2007 von blind-sehbehindert antwortet Fritz Buser Dipl.-Augenoptiker und Lichtdesigner auf die Ausführungen von Prof. Degenhardt, die in "Gefährdung durch Schwarzlicht" dargestellt wurden. Daraus sollen hier einige Kernaussagen dokumentiert werden:

"UV-Strahlung des "Schwarzlichtes"
ist nicht stärker als diejenige der Sonne

...Im Gegensatz zur Arbeit von Herrn Prof. Degenhardt beschränke ich mich bei meinen Ausführungen ausschließlich auf die Strahlung der Sonne und diejenige der röhrenförmigen Schwarzglaslampen analog dem Typ Osram 26 Watt "Farbe" 73. Alle anderen Lampentypen sind ohnehin abzulehnen und zum Teil tatsächlich gefährlich." ...
Anhand einer Grafik zeigt er auf, dass die Strahlungsmenge der Schwarzglaslampe Osram 36/73 wesentlich geringer ist als diejenige des Sonnenlichtes.
"...Allerdings gibt es Unterschiede je nach Pupillendurchmesser. Im Dunkelraum sind die Pupillen größer als im Freien. Die Differenz zwischen der Fläche der Pupille bei Dunkeladaptation und Helladaptation liegt bei einem Faktor von 2,5. ("Clinical Visual Optics" von Arthur G. Bennett and Ronald B. Rabbetts )
Auch bei großer Helligkeit wird die Pupille nicht möglichst klein gehalten, sondern das Auge adaptiert so, dass die Pupille wieder etwas geöffnet werden kann und so für den nächsten Einsatz als Sofortmaßnahme zur Reduktion plötzlichen Lichteintritts bereit ist. Um wirklich sicherzugehen, habe ich aber den Faktor von 4 gewählt und das Spektrum der Osram 36/73 entsprechend angepasst. ...
Vergleichen wir jetzt die beiden Kurven, stellen wir fest, dass das Maximum der künstlichen UV Strahlung im Bereich von 370 nm gleich groß ist wie die natürliche Strahlung in diesem Wellenlängenbereich. Ebenfalls geht daraus hervor, dass zwischen 320nm und 350nm die Sonnenstrahlung eine große Energiemenge aufweist, die im Spektrum der Osram 36/73 nicht zu finden ist. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass hier nur die Energiemenge, nicht aber die Schädlichkeit der betreffenden Wellenlängen verglichen wurde. Bekanntlich sind kurzwelligere UV-Strahlen gefährlicher als langwelligere.
Auch bei vorsichtiger Beurteilung kann daher gesagt werden, dass die Strahlenbelastung im Dunkelraum gleich oder geringer ist als im Freien." (S. 105-107)

In blind-sehbehindert 2/2007 Antwortet Prof. Degenhardt auf die Kritik von Fritz Buser:

"Alles zurück auf Start!" Beruhigung als Maxime?"
...
Ich bin "verunsichert, wieso BUSER an keiner Stelle seiner Replik das Hauptproblem einer erhöhten Photosensibilität durch ausgewählte Medikamente einbezieht: Dieser Effekt macht es unmöglich(!), eine Grenzwertdiskussion zu führen, da durch die Hersteller keine Faktoren angegeben werden (können), die das Einhalten von Grenzwerten handhabbar machen würde. Kleinste Dosen müssen in diesem Zusammenhang definitiv Beachtung finden!
•    Die verstärkte Transmissionsfähigkeit des kindlichen Auges für den Spektralbereich der UV-Strahlung erhöht die Strahlenbelastung für die Retina. Alle internationalen Studien verweisen daher explizit auf einen besonderen Augenschutz für Kinder.
•    Angesichts der mit der Schädigungsstruktur zusammenhängenden Qualität und Quantität medikamentöser Versorgung vorrangig der Schwerstbehinderten Kinder und Jugendlichen legen die Forschungsergebnisse zu phototoxischen und photoallergischen Reaktionen der Haut und des Auges nahe, jede zusätzliche Dosis ultravioletter Strahlung zu vermeiden. Eine Grenzwertdebatte ist hier nicht möglich, da es gerade eine Spezifik dieses Phänomens ist, dass Dosen, die sonst keine direkten negativen Effekte auslösen, hier negativ wirken können.
•    Der häufige Wechsel der Körperposition (Rückenlage, Blickrichtungswechsel etc.) erhöht die Gesamtmenge der durch das Auge aufgenommenen UV-Strahlung (z. B. im Vergleich zum meist aufrechten Aufenthalt im Freien).
•    Die Schutzmechanismen reflektorischer Lidschluss und Lidspaltregulation versagen
in dem zu betrachtenden Zusammenhang, weil sie für die Regulierung der Lichtmenge ausgelegt sind.
•    Die durch die beteiligten Personen realisierte Dunkeladaption führt u. a. zu weit geöffneten Pupillen; dadurch ist das Eindringen einer wesentlich höheren Dosis der hier zu betrachtenden Spektralbereiche möglich.
•    Über die Folgen der "Langzeiteinwirkung mit geringsten Dosen" (sowohl für die Kinder als auch in größerem Maße für die Professionellen) können derzeit keine durch evidenzbasierte Studien gesicherten Aussagen getroffen werden. Die vorliegenden Studien verweisen jedoch zunehmend auf Gefahrenpotentiale; in Reaktion darauf wurden Grenzwerte gesenkt und weitere Studien in Auftrag gegeben.
(3) Das dem Sonne-UV-Strahler-Vergleich zugrunde gelegte Szenarium bildet die praktizierten Situationen nicht ab.
BUSER diskutiert ein Szenario einer 36 Watt Leuchtstofflampe, die bestmöglich indirekt, in einem Abstand von einem Meter eingesetzt wird. Darüber hinaus insistiert er insgesamt bei den Schutzmaßnahmen auf Zeit, Abstand, Indirektbeleuchtung und CR39-Gläsern. Weiterhin fragt BUSER an, wieso ich von einer Langzeiteinwirkung ausgehe. Hier wird ein Unterschied in den Erfahrungen der praktizierten Szenarien des UV-Strahlungs-Einsatzes deutlich: Dunkelräume mit acht freihängenden UV-Leuchtstofflampen in einer Höhe von einem Meter über dem liegenden Kind, mobile UV-Handleuchten für den Einsatz mit geringer Entfernung, Förderpläne mit täglichem Aufenthalt im Dunkelraum (verbunden mit dem dann ritualisierten Einschalten der UV-Strahlungs-Quellen beim Betreten des Raums), Erholungsphasen mit Snoezelen-UV-Equipment-Anleihen, selbst gebaute "Schwarzlichtkästen" (mit Indirektlösungen aber maximal 30cm Abstand zum Kind), eine Biographie der schwerstbehinderten Menschen mit Sehschädigung von der sehgeschädigtenpädagogischen Frühförderung, der (Blinden-)Schule bis hin zu Berufs- und Altenpflegeeinrichtungen (die alle für sich mal eben nur ein wenig fluoreszierende Materialien und "Schwarzlicht" einsetzen)... Nur ein zuspitzendes Extremszenario? Das Problem ist doch, dass bei dem Modell-Medienaufbau nach BUSER die Effekte der fluoreszierenden Materialien nicht mehr so "schick" sind... also wird eine Leuchte, zwei, drei ... zugeschaltet oder der Abstand verringert! 
... Es soll und muss weiter fachlich hervorragend und kreativ in Frühförderung und Schule, in Arbeit und Wohnen usw. nach "visueller Aufmerksamkeit" und "Fixation" im Dunkelraum oder im "natürlichen Umfeld" geforscht und eben diese gefördert werden; es soll weiter versucht werden, Erholung und Tiefenentspannung mit Snoezelen-Szenarien zu befördern... aber das alles geht ohne zusätzliche, künstliche UV-Strahlung. Lassen wir die UV-Strahlung bei der Sonne oder bei Berufen, die wirklich "nicht ohne können"!"
(S. 111-115)