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Fakultät Rehabilitationswissenschaften
Diskussion

Computerbraille oder Kurzschrift

Aus dem Artikel von Ernst-Dietrich Lorenz und Renate Lorenz "Heiß geliebt und stets umstritten. Hundert Jahre Deutsche Blindenkurzschrift 1904 bis 2004" wird hier die Beurteilung der aktuellen Situation dokumentiert.

"Computerbraille und Kurzschrift

Seit Ende der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts haben blinde Menschen immer stärker die Möglichkeit genutzt, sich die Braillezeilentechnik und die Softwaremöglichkeiten nutzbar zu machen und arbeiten im Beruf und in der Freizeit viel mit dem Computer. Das gilt auch für den Unterricht in der Blindenschule, besonders aber im Bereich der integrierten Beschulung blinder und sehbehinderter Kinder. 

Bei der Arbeit am Rechner wird in der Regel die federführend vom Erstautor entwickelte 8-Punkt-Computerbrailleschrift verwendet, wie sie in DIN 32982 bzw. ISO TR 11548 Teil 2 niedergelegt ist. Dies ist bei der Programmierung und vielen anderen Tätigkeiten am Rechner auch unumgänglich, weil hier eine Zeichen-für-Zeichen-Wiedergabe benötigt wird. Allerdings bieten die meisten Bildschirmausleseprogramme heute auch den Komfort, die Texte auf der Braillezeile in Kurzschrift übertragen anzuzeigen. Somit ist die Möglichkeit gegeben, insbesondere bei der Textverarbeitung in der Kombination Sprachausgabe mit Kurzschrift auf der Braillezeile zu arbeiten. 

Computerbraille und Kurzschrift sind nicht, wie oft fälschlich behauptet, Konkurrenten, sondern ergänzen sich durch ihre unterschiedlichen Einsatzgebiete:
Computerbraille da, wo beim Arbeiten am Computer wirklich eine Zeichen-für-Zeichen-Darstellung benötigt wird und Kurzschrift überall dort, wo diese zeichenweise Darstellung nicht erforderlich ist.

Das heißt aber, dass die Kurzschrift überall da, wo sie sich bewährt hat, die Normalschrift der blinden Menschen bleiben wird, weil sie als 6-Punktschrift leichter und schneller zu lesen und zu schreiben ist, als die 8-Punkt- Computerbrailleschrift. Insbesondere beschert sie uns in Buch- oder Heftform auch völlige Unabhängigkeit von aller Technik. 

Kurzschriftdruckerzeugnisse können überallhin mitgenommen werden. Ein Vorteil, den sicher niemand missen möchte. Ebenso wenig wie Sehende wollen die Blinden auf das Arbeiten mit dem Computer reduziert werden. Die Chance auf ein erfolgreiches Berufsleben werden blinde Menschen künftig nur haben, wenn sie sowohl die Computerbrailleschrift, als auch die Kurzschrift sicher beherrschen. Die Blindenpädagoginnen und -pädagogen stehen somit in der Verantwortung, ihre Schülerinnen und Schüler so auf Beruf und Freizeit vorzubereiten, dass sie auch die Kurzschrift sicher schreiben und flüssig lesen können [...]."